Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch, ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...

BARUCH:

Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...

JEREMIAS:

Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende Meer wogen von Mitternacht her ...

BARUCH (schauernd):

Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ...

JEREMIAS:

Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit, daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, es ist Zeit, es ist Zeit!...

BARUCH (hingerissen):