JEREMIAS:

Doch eh
Dir noch in einer brennenden Gischt
Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,
Mußt du noch sehn
Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!
Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,
Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,
Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert
In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!
Du siehst,
Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,
Und siehst,
Eh der rote Stahl dich für immer blendet,
Wie Israels Stamm und Königtum endet.

ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist, die Hände flehend aufhebend):

Erbarmen! Erbarmen!

JEREMIAS:

So wirst du ins ewige Dunkel schrein,
Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,
Denn Gott erhört
Nie den, der frevelnden Übermutes
Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.
Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,
Die blind am Bauche der Erde hinlangen,
Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,
Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,
Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,
Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.
Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,
Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,
Und tritt einer nah
Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar
Das, was einstens König zu Zion war,
Dann hebt er die Hand
Und flucht dir, König Zedekia!

ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias mit einem wirren Blicke schauernd an):

Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe. Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!

JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen erloschen):

Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich und nicht wenden!