Sie machte dem Pfarrer von San Nicolo einen Anstandsbesuch. Er konnte ein Spion der Jesuiten sein. Als sie um sieben Uhr zum Pranzo wieder heimkam, fand sie das Gelaß leer, das sie dem Geliebten zum Versteck angewiesen hatte. Außer sich suchte sie ihn sofort im ganzen Schlosse. Er war nicht mehr da. In ihrer Verzweiflung lief sie nochmals in seine Stube. Jetzt erst fand sie einen Zettel, auf dem geschrieben stand:
»Ich stelle mich dem Legaten, weil ich an unsrer Sache verzweifle. Der Himmel ist wider uns. Wer mag uns verraten haben? Offenbar der Schurke, der sich in den Brunnen gestürzt hat. Da mein Leben dem armen Italien nichts nützt, so will ich nicht, daß mich meine Kameraden allein auf freiem Fuße sehen und sich am Ende gar einbilden, ich sei der Verräter. Lebe wohl! Wenn Du mich liebst, so sei darauf bedacht, mich zu rächen! Wenn Du den Verräter entdecken solltest, so vernichte den Nichtswürdigen, und wäre es mein Vater!«
Halb von Sinnen und in den Tod unglücklich sank Vanina in einen Stuhl. Sie war keines Wortes mächtig. Die tränenlosen Augen brannten ihr. Schließlich fiel sie in die Knie.
»Allmächtiger!« betete sie. »Nimm mein Gelübde an! Ich will den nichtswürdigen Verräter strafen. Aber vorher muß ich Pietro die Freiheit verschaffen!«
Eine Stunde später war sie unterwegs nach Rom. Ihr Vater hatte sie schon lange zur Heimkehr gedrängt und hatte in ihrer Abwesenheit dem Principe Livio Savelli ihre Hand fest versprochen. Kaum war Vanina wieder zu Hause, als der Fürst zaghaft davon zu sprechen begann. Zu seinem großen Erstaunen ging Vanina sofort darauf ein. Noch am selbigen Abend ward ihr Savelli im Hause der Gräfin Vitelleschi feierlich als Bräutigam zugeführt.
Vanina zeigte sich ihm sehr gesprächig. Er war der eleganteste Mensch und besaß die schönsten Pferde; aber wenn man ihn auch für sehr intelligent hielt, so galt er doch für derartig leichtsinnig, daß er der Regierung niemals verdächtig werden konnte. Damit rechnete Vanina. Wenn sie ihm den Kopf verdrehte, konnte sie ihn bequem zu allerhand gebrauchen. Ihm, dem Neffen des Monsignore Savelli-Catanzara, des Stadtkommandanten und Polizeipräsidenten von Rom, wagte kein Spion nachzustellen.
Nachdem Vanina den galanten Livio mehrere Tage auf das beste behandelt hatte, erklärte sie ihm, sie werde nie seine Gattin. Er wäre ihr viel zu leichtsinnig.
»Wenn Sie nicht das reine Kind wären,« sagte sie zu ihm, »hätten die Beamten Ihres Onkels keine Geheimnisse vor Ihnen. Wissen Sie zum Beispiel, was mit den Karbonari geschehen wird, die man neulich in Forli erwischt hat?«
Nach zwei Tagen kam Livio und meldete Vanina, alle in Forli verhafteten Karbonari seien entwischt.
Vanina sah ihn mit ihren großen schwarzen Augen eindringlich an, lächelte bitter und unsagbar verächtlich und würdigte ihn den ganzen Abend keines Wortes. Zwei Tage danach kam Livio abermals und gestand, man habe ihn vor zwei Tagen falsch unterrichtet.