»Jetzt aber«, erzählte er, »habe ich mir einen Schlüssel zum Arbeitszimmer meines Onkels verschafft. Aus den Akten, die ich daselbst in den Händen gehabt habe, weiß ich, daß eine Kommission von Kardinälen und hochangesehenen Prälaten in einer Geheimsitzung erörtert hat, ob es besser sei, den Karbonari in Ravenna oder in Rom den Prozeß zu machen. Die neun in Forli festgenommenen Verschwörer und ihr Führer, ein gewisser Missirilli, der so dumm gewesen ist, sich selbst zu stellen, werden augenblicklich im Kastell San Leo gefangen gehalten ...«

Bei den Worten »so dumm« kniff Vanina den jungen Fürsten mit aller Kraft in den Arm.

»Ich will die offiziellen Akten selber einsehen. Nehmen Sie mich mit in das Arbeitszimmer Ihres Onkels! Sie haben sich jedenfalls beim Lesen geirrt.«

Livio erschrak zu Tode. Vanina forderte etwas geradezu Unmögliches von ihm; aber ihr seltsames Wesen verdoppelte seine Verliebtheit. Nach einigen Tagen konnte Vanina, als Lakai verkleidet, in der kleidsamen Livree der Casa Savelli, eine halbe Stunde lang in den geheimsten Papieren des Polizeipräsidenten herumkramen. Als sie den »Tagesbericht über pp. Pietro Missirilli« las, empfand sie einen Anflug von Glück. Kaum vermochten ihre zitternden Hände das Schriftstück zu halten. Als sie den Namen des Geliebten las, ward sie fast ohnmächtig.

Als sie den Palast des Polizeipräsidenten wieder verließen, durfte Livio sie küssen.

»Sie bestehen die Proben, die ich Ihnen auferlege, recht gut,« erklärte ihm Vanina.

Im Besitze dieses Lobes hätte der junge Principe Vanina zu Gefallen den Vatikan angesteckt.

Am Abend war Ball in der französischen Gesandtschaft. Vanina tanzte viel und fast stets mit Livio. Er war trunken vor Glück. Vanina durfte ihn nicht zur Besinnung kommen lassen. Des war sie entschlossen.

»Mein Vater ist manchmal wunderlich,« sagte sie eines Tages zu ihm. »Heute morgen hat er zwei von seinen Leuten von dannen gejagt. Sie sind weinend zu mir gekommen. Der eine hat mich gebeten, ihm eine Stelle bei Ihrem Onkel, dem Stadtkommandanten von Rom, zu verschaffen. Der andre, ein ehemaliger napoleonischer Artillerist, möchte auf der Engelsburg angestellt werden.«

»Ich nehme sie alle beide in meine Dienste,« erklärte der junge Principe eifrig.