»Habe ich Sie darum gebeten?« fragte Vanina hochmütig. »Ich habe Ihnen die Bitte der beiden armen Schelme wörtlich wiederholt. Sie sollen bekommen, was sie wünschen, und nichts andres!«
Das war nichts weniger als einfach. Monsignore Catanzara war ein höchst eigenwilliger Herr, der nur Leute in sein Haus nahm, die er sehr gut kannte.
Inmitten von tausend äußerlichen Vergnügungen ward Vanina von Reue gequält. Sie fühlte sich grenzenlos unglücklich. Die so langsame Entwicklung der Dinge brachte sie beinahe um. Der Bankier ihres Vaters hatte ihr Geld versorgt. Sollte sie aus dem Vaterhause fliehen, nach der Romagna gehen und ihren Geliebten zu befreien suchen? So unvernünftig dieser Gedanke war, so hätte sie ihn doch wohl ausgeführt, wenn sich der Zufall nicht ihrer erbarmt hätte.
Livio vermeldete ihr:
»Missirilli und seine neun Mitverschworenen werden nach Rom überführt, nachdem sie in Ravenna abgeurteilt worden sind. Das hat mein Onkel heute abend beim Papste durchgesetzt. Sie und ich, wir sind in ganz Rom die einzigen, die dieses Geheimnis wissen. Sind Sie zufrieden mit mir?«
»Sie werden ein Mann!« erwiderte Vanina. »Schenken Sie mir Ihr Bild!«
Am Tage, ehe Missirilli in Rom eintreffen sollte, fand Vanina einen Vorwand, nach Civita Castellana zu fahren. Im Gefängnis dieser Stadt wurden Gefangene, die man von der Romagna nach Rom beförderte, stets eine Nacht verquartiert. In der Tat sah Vanina ihren Missirilli, als er aus dem Gefängnis herausgebracht ward. Er saß kettenbelastet auf einem Karren für sich. Er kam ihr sehr bleich, aber durchaus nicht gebrochen vor. Eine alte Frau warf ihm ein Veilchensträußchen zu. Pietro lächelte ihr Dank zu.
Nachdem Vanina den Geliebten gesehen hatte, fühlte sie sich erstarkt und von neuem Mut beseelt. Bereits seit geraumer Zeit hatte sie den Abbate Cari, den Almosenier der Engelsburg, in der Pietro nunmehr eingekerkert war, in seiner Karriere ein gutes Stück vorwärts gebracht, indem sie ihn zum Beichtvater genommen. Er war ein gutmütiger Mensch. Es ist in Rom nicht unwichtig, Beichtiger einer Prinzessin zu sein, deren Onkel Stadtkommandant ist.
Mit den Karbonari von Forli wurde nunmehr kurzer Prozeß gemacht. Ärgerlich darüber, daß die Sache nach Rom abgewälzt worden war, sorgte die reaktionäre Partei dafür, daß die Kommission, der das Urteil oblag, aus den ehrgeizigsten Prälaten bestand. Den Vorsitz führte der Polizeipräsident.
Das Gesetz gegen den Karbonarismus ist klipp und klar. Den Rebellen von Forli blieb keine Hoffnung. Trotzdem verteidigten sie ihr Leben durch alle nur möglichen Ausflüchte. Die Richter verurteilten sie nicht nur zum Tode, sondern obendrein zu allerlei schrecklichen Nebenstrafen. Es sollten ihnen die Hände abgehauen werden usw. Der Polizeipräsident, der keine Streberei mehr nötig hatte (man vertauscht diesen Posten nur mit dem Kardinalshut), hatte kein Begehr nach abgehauenen Händen. Als er das Urteil Seiner Heiligkeit vorlegte, befürwortete er die Verwandlung sämtlicher Strafen in bloßes Gefängnis. Nur mit Missirilli ward eine Ausnahme gemacht. In diesem jungen Manne erblickte der Polizeipräsident einen gefährlichen Fanatiker. Überdies hatte er wegen der Ermordung der beiden Karabinieri den Tod verdient.