»Vor allem erwarte ich, daß Sie mir eine Begnadigung unterbreiten. Einer der Karbonari von Forli ist zum Tode verurteilt. Der Gedanke daran hat mich nicht schlafen lassen. Der Mann muß gerettet werden!«

Als der Polizeipräsident sah, daß der Papst dasselbe wollte wie er, machte er allerlei Einwände. Schließlich setzte er aber eine Verfügung auf, die der Papst ganz gegen seine Gewohnheit motu proprio unterzeichnete.

Vanina glaubte zwar an die Möglichkeit, die Begnadigung ihres Geliebten zu erreichen, aber sie befürchtete, man könne ihn vergiften. Schon am Tage vor der Begnadigung erhielt Missirilli durch den Abbate Cari ein paar Pakete Zwiebäcke und die Warnung, die Gefängniskost nicht mehr anzurühren.

Nunmehr erfuhr Vanina, daß die gefangenen Karbonari wieder nach dem Kastell San Leo überführt werden sollten. Sofort faßte sie den Entschluß, Pietro bei seinem Durchzuge durch Civita Castellana zu sehen. Vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen langte sie daselbst an, wo sie mit dem Abbate Cari zusammentraf, der bereits einige Tage dort verweilte. Er hatte den Kerkermeister dazu gebracht, daß Missirilli um Mitternacht in der Gefängniskapelle der Messe beiwohnen durfte. Ja, wenn Missirilli damit einverstanden wäre, sich Arme und Beine in Ketten legen zu lassen, so war der Kerkermeister bereit, sich in den Hintergrund der Kapelle zurückzuziehen, allerdings ohne den Gefangenen außer Sehweite zu lassen. Hören konnte er da nichts von dem, was mit Missirilli gesprochen werden würde.

Endlich kam der Tag, an dem sich Vaninas Schicksal entscheiden sollte. Ganz früh am Morgen schloß sie sich in der Gefängniskapelle ein. Sie litt tausend Qualen. Immer wieder fragte sie sich, ob Missirillis Liebe groß genug sei, um ihr zu verzeihen. Sie hatte seine Mitverschworenen denunziert, aber ihm selbst hatte sie das Leben gerettet. Jedesmal, wenn die Vernunft in ihres Herzens Kämpfen die Oberhand gewann, war sie voller Hoffnung, er würde einwilligen, mit ihr zusammen aus Italien zu fliehen. Wenn sie auch Böses getan hatte, so war es doch aus Übermaß von Liebe geschehen.

Als es vier Uhr schlug, hörte Vanina von weitem auf dem Straßenpflaster die Hufschläge der Karabinieri. Bei jedem einzelnen Schlag erzitterte ihr Herz. Bald vernahm sie auch das Rollen der Karren, auf denen die Gefangenen befördert wurden.

Auf dem kleinen Platze vor dem Gefängnis machte der Zug halt. Vanina beobachtete, wie zwei Karabinieri Missirilli herunterhoben. Er befand sich allein in einem der Karren und war derart mit Ketten belastet, daß er sich nicht rühren konnte.

»Er ist wenigstens noch am Leben,« sagte sich Vanina, Tränen in den Augen. »Man hat ihn nicht mit Gift aus der Welt geschafft.«

Der Abend war grauenhaft. Die düstere Kapelle ward nur beleuchtet durch eine hochhängende Altarlampe, an der man mit dem Öl sparte. Vaninas Augen irrten über die Grabmäler etlicher Grandseigneurs des Mittelalters, die vor Zeiten im benachbarten Kerker umgekommen waren. Die Steinbilder starrten sie grimmig an. Längst waren alle Geräusche verstummt. Vanina war einsam und allein, in ihre finsteren Grübeleien versunken.

Kurz nachdem es Mitternacht geschlagen hatte, vernahm sie ein leises Geräusch, als ob eine Fledermaus durch den Raum schwirre. Sie wollte ein paar Schritte machen, sank aber halb ohnmächtig an die Balustrade des Altars. Im nämlichen Augenblick sah sie dicht vor sich zwei nebelhafte Gestalten, deren Herannahen sie nicht gehört hatte. Es war der Kerkermeister mit Missirilli. Der letztere war mit Ketten geradezu umwickelt.