Der Kerkermeister klappte seine Laterne auf und stellte sie in Vaninas Nähe auf die Altarbalustrade. Dann zog er sich nach der Tür zurück. Kaum war er verschwunden, da fiel Vanina dem Gefesselten um den Hals. Sie drückte ihn an sich, aber sie spürte nichts als seine kalten harten Ketten. So empfand sie nicht die geringste Freude. Aber ihrem Schmerze darüber folgte noch ein viel schlimmerer. Missirillis Benehmen war so eisig, daß Vanina einen Augenblick lang glaubte, er wisse alle ihre Übeltaten.
Schließlich begann er zu sprechen:
»Liebe Vanina, ich bedaure, daß du dich in mich verliebt hast. Vergeblich suche ich an mir nach Vorzügen, durch die ich deine Liebe verdient hätte ... Reden wir von christlicheren Dingen! Vergessen wir die Illusionen, die uns einstmals in die Irre geführt haben! Ich darf nicht mehr der Deine sein. Das fortgesetzte Unglück, das meine Unternehmungen verfolgt, hat seine Ursache vielleicht darin, daß ich mich dauernd im Zustande der Todsünde befunden habe. Es fällt mir schwer, das alles vom Standpunkte der nüchternen Vernunft zu beurteilen. Warum ward ich in jener verhängnisvollen Nacht in Forli nicht ebenso verhaftet wie meine Genossen? Warum war ich in der Stunde der Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den allerschrecklichsten Verdacht aufkommen lassen: ich hätte eine andre Leidenschaft als die Befreiung Italiens?«
Vanina vermochte sich nicht von ihrer Verwunderung zu erholen, Missirilli so gewandelt zu sehen. Er sah eigentlich nicht magerer aus als früher, aber er erschien ihr wie zehn Jahre älter geworden. Sie schob diese Veränderung auf die schlechte Behandlung, die er offenbar in der Gefangenschaft erfahren hatte. In Tränen ausbrechend, sagte sie:
»Ach, die Kerkermeister haben ihr Wort nicht gehalten, dich gut zu behandeln!«
In Wirklichkeit hatten sich angesichts des sicheren Todes in der Seele des jungen Karbonaro allerhand fromme Skrupel zu seiner Leidenschaft für die Befreiung Italiens gesellt. Allmählich begriff Vanina, daß die erstaunliche Veränderung, die sie an ihrem Geliebten wahrnahm, rein innerlicher Art war, keineswegs aber die Wirkung von schlechter körperlicher Behandlung. Wenn sie erst schon geglaubt hatte, ihr Schmerz sei ungeheuer, so fühlte sie ihn jetzt ins Maßlose wachsen.
Missirilli war verstummt. Vanina erstickte fast vor Schluchzen. Ein wenig bewegt begann er von neuem:
»Vanina, wenn ich hienieden etwas geliebt habe, so bist du das gewesen! Aber gottlob hat mein Dasein nur noch ein Ziel: den Tod, sei es im Kerker, sei es bei neuen Versuchen für Italiens Freiheit!«
Wiederum herrschte Stillschweigen. Vanina vermochte kein Wort hervorzubringen. Das sah man ihr an. Vergeblich machte sie Anstrengungen, zu reden. Missirilli fuhr fort:
»Liebe Vanina, die Pflicht ist grausam, aber wenn ihre Erfüllung gar nicht schwer wäre: wo gäbe es dann Heldentum? Gib mir dein Wort, daß du nie wieder den Versuch machen wirst, mich zu sehen!«