»Wenn Sie mich lieben, dann erlauben Sie mir, daß ich endlich einen Wundarzt holen lasse.«

»Wenn er kommt, ist mein Glück dahin.«

»Ich muß es tun,« erklärte Vanina.

Die Unbekannte hielt sie zurück, indem sie ohne ein Wort zu sagen ihre Rechte ergriff und Küsse darauf drückte. Lange sprach keins von beiden. Der Fremden standen Tränen in den Augen. Endlich gab sie Vaninas Hand frei und sagte in einem Tone, als gehe sie in den Tod:

»Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Vorgestern, als ich Ihnen sagte, ich hieße Clementina, da hab ich gelogen. Ich bin ein unglücklicher Karbonaro ...«

Vanina war tief betroffen. Sie rückte ihren Stuhl zurück, und bald darauf erhob sie sich.

Der Kranke seufzte.

»Ich weiß wohl,« sagte er, »mein Bekenntnis beraubt mich des einzigen Glückes, das mich noch ans Leben bindet. Aber es wäre meiner unwürdig, wenn ich Sie weiter täuschte. Ich heiße Pietro Missirilli und bin neunzehn Jahre alt. Mein Vater ist ein armer Arzt in San Angelo in Vado, und ich bin Karbonaro. Wir sind bei unsrer letzten Venta überrumpelt worden. Man hat mich in Ketten von der Romagna nach Rom geschleppt. Dreizehn Monate lag ich in einem Kerkerloche, Tag und Nacht bei trübem Laternenlicht. Da geriet eine barmherzige Seele auf den Gedanken, mich retten zu wollen. Man zog mir Frauenkleider an. So entrann ich meiner Zelle und war schon an der Außenwache vorbei, da hörte ich, daß einer der Posten auf die Karbonari schimpfte. Ich verabreichte ihm eine Ohrfeige. Ich versichere Sie: das war nicht etwa eitle Prahlerei. Es geschah aus Geistesabwesenheit. Nach dieser Unbesonnenheit wurde ich durch die Straßen Roms verfolgt. Es war Nacht. Ich bekam Bajonettstiche und schon verließen mich meine Kräfte ... Da laufe ich in ein Haus, dessen Türe offen stand. Ich höre, wie die Soldaten hinter mir die Treppe hinaufrennen. Ich springe in den Nachbargarten und falle zu Boden, ein paar Schritte vor einer Dame, die dort spazieren geht ...«

»Das war die Contessa Vitelleschi, die Freundin meines Vaters ...« unterbrach ihn Vanina.

»Was! Sie hat es Ihnen erzählt?« rief Missirilli aus. »Wie dem auch sei: diese Dame, deren Name nie genannt werden soll, hat mir das Leben gerettet! Als die Soldaten in ihr Haus drangen, um mich zu ergreifen, brachte mich Ihr Herr Vater in seinem Wagen hierher ... Es geht mir gar nicht gut. Der Bajonettstich in der Schulter erschwert mir seit mehreren Tagen das Atmen. Ich werde sterben ... und zwar, wenn ich Sie nicht wiedersehe, in der unseligsten Stimmung ...«