Vanina hatte geduldig zugehört. Eilends ging sie dann fort. Missirilli glaubte in ihren schönen Augen nicht die Spur von Mitgefühl, sondern nichts als gekränkten Stolz gesehen zu haben.
In der Nacht stellte sich ein Wundarzt ein. Er kam allein. Missirilli war in Verzweiflung. Er fürchtete, Vanina nie wiederzusehen. Er fragte den Arzt aus. Der waltete seines Amtes, gab aber keine Antwort. Ebenso schweigsam blieb er an den nächsten Tagen.
Unverwandt ruhten Pietros Augen auf der Fenstertüre nach der Terrasse, durch die Vanina eingetreten war. Er fühlte sich sterbensunglücklich.
Einmal, gegen Mitternacht, kam es ihm vor, als husche ein Schatten über die Terrasse. War das Vanina?
Allnächtlich preßte Vanina ihre Wangen an die Fensterscheibe des Gemachs des Karbonaro.
»Wenn ich mit ihm spreche, bin ich verloren!« sagte sie sich. »Nein! Ich darf das niemals wieder tun.«
Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, kam ihr wider willen die Freundschaft in den Sinn, die sie für den jungen Mann gefühlt, als sie ihn törichterweise noch für ein Weib gehalten hatte. »Erst habe ich mich ihm so zärtlich und zutraulich gezeigt, und jetzt meide ich ihn vollständig!« warf sie sich vor.
In vernünftigen Augenblicken erschrak sie über den Wandel, der in ihrer Seele vorgegangen war. Seit sich Missirilli entdeckt hatte, war ihre ganze bisherige Gedankenwelt wie in Nebel verhüllt und in weite Ferne gerückt.
Noch waren keine acht Tage verronnen, als Vanina, bleich und zaghaft, zusammen mit dem Arzt in das Gemach des Kranken trat. Sie verblieb nur ein paar flüchtige Augenblicke. Aber nach einigen Tagen erschien sie nochmals, wieder mit dem Arzte: aus Menschlichkeit. Und schließlich, als es Missirilli wieder viel besser ging und Vanina nicht mehr den Vorwand hatte, sich um sein Leben zu ängstigen, wagte sie eines Abends allein zu kommen.
Als Missirilli sie erblickte, war er namenlos glücklich; aber er suchte seine Liebe zu verbergen. Um alles in der Welt wollte er die Manneswürde nicht verletzen. Vanina war mit schamrotem Gesicht zu ihm gegangen. Sie fürchtete, Liebesbeteuerungen zu hören. Um so mehr wunderte sie sich über die edle, demütige, fast zu wenig zärtliche Freundschaft, die er ihr erwies. Als sie von ihm schied, machte er keinen Versuch, sie zurückzuhalten.