Ilse fühlte ihre alte Heftigkeit in sich aufsteigen.
„Gerade weil deine Eltern Künstler sind, Irma,“ erwiderte sie, mit vor Erregung funkelnden Augen, „und durch ihr Talent und ihre Leistungen so unendlich hoch über den eingebildeten Adlichen stehen, die sich durch ihre Geburt und ihr Geld für bevorrechtet halten, würde ihr Stolz nie gestatten, daß ihre Tochter in eine Familie einträte, die hochmütig auf sie herabsieht. Es tut mir weh, Kind, daß von diesem echten, edlen Stolze sich nichts in deinem Charakter zu finden scheint. Selbst angenommen, daß dieser Baron von Hochstein dir treu bleibt, sollte dich der Gedanke abschrecken, daß seine Eltern dich nur dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden.“
„Was gehen mich seine Eltern an, wenn er mich nur liebt!“ sagte Irma.
Ilse seufzte. „So würde ich nicht gedacht haben, selbst als ich so jung war wie du, mein Kind. Doch, je älter wir werden, desto mehr sehen wir ein, daß wir andere Menschen nicht nach uns beurteilen dürfen. Wenn du den Stolz, von dem ich sprach, nicht besitzest, kannst du auch nicht fühlen, was ich meine.“
Irma empfand diese Worte als einen Tadel, fühlte auch unklar und unbestimmt, daß Großmama recht hatte, aber sie wollte jetzt lieber nicht darüber nachdenken. Sie ergriff schüchtern Ilses Hand, streichelte sie und wiederholte ihre Frage:
„Was willst du tun, Großmama?“
„Wann hast du die nächste Zusammenkunft mit dem jungen Manne verabredet?“
„Mittwoch in acht Tagen.“
„Gut. Schreibt ihr euch?“
„Ab und zu.“