Ungläubig schaute Ruth die Mutter an.
„Zum Beispiel,“ fuhr Großmutter leise fort, „aus Trotz den ersten besten Mann zu nehmen.“
Frau von Holten schwieg; an solch eine Möglichkeit hatte sie noch nicht gedacht.
„Ich glaube, du übertreibst, Mama,“ sagte sie endlich. „Irma ist in jeder Hinsicht noch das reine Kind.“
„Eben darum,“ behauptete Ilse, aber da ihre Enkelin gerade ins Zimmer trat, wurde das Gespräch nicht fortgesetzt. —
Der Bräutigam, John Forster, war angekommen und machte seinen neuen Verwandten einen sehr angenehmen Eindruck. Er war ein großer, stattlicher junger Mann, blond und breitschultrig, mit energischem Ausdruck in den stahlblauen Augen und großer Ruhe und Gelassenheit in seinem Auftreten. Er und Maud bildeten ein sehr gesetztes Paar; Flora, die mit ihrem Manne bei Großmutter Gontrau wohnte, wunderte sich im stillen, daß Braut und Bräutigam nach so langer Trennung einen ganzen Abend beisammen sein, sich mit jedem gemütlich unterhalten konnten, und nicht einzig und allein für einander Ohren und Augen hatten.
Als Flora schüchtern bemerkte, daß John und Maud nicht den Eindruck eines verliebten Paares machten, lachte die junge Braut so heiter und herzlich, und aus ihren hübschen, ernsten Augen strahlte ein so sonniges Glück, daß niemand an ihrer innigsten Liebe und Zuneigung für einander zweifeln konnte. —
Onkel Heinz, der mit Hilfe eines Stockes wieder umherhumpelte, setzte die ganze Familie, die ihn noch ans Zimmer gebunden glaubte, in Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er unterhielt sich viel mit dem jungen Amerikaner; aber als Hans Reicher ankam, hätte der Professor leicht in den Verdacht der Unbeständigkeit und Launenhaftigkeit kommen können, denn nun zog er die Gesellschaft des jungen Gutsbesitzers jeder anderen vor und vertiefte sich mit ihm in alle möglichen Fragen des Ackerbaus und der Viehzucht. Hans verweilte gern bei dem alten Sonderling; Onkel Heinz hatte sich sofort angeboten, ihn als Logiergast aufzunehmen, und da bei Müllers wie bei Ilse Gontrau das Haus besetzt war, nahm Hans dies Anerbieten dankend an.
Große Hochzeitsfeierlichkeiten sollten nicht stattfinden, die Abende aber, die der heiligen Handlung vorangingen, verbrachte die Familie stets gemeinsam. Es wurde viel musiziert, mitunter auch getanzt, und das Zusammensein mit einem gemütlichen Abendessen beschlossen. Irma nahm so heiter an allem teil, daß jeder sich darüber wunderte. Als sie am ersten Abend erschien, anmutiger denn je, in einem hellgrünen, duftigen Kleide, schelmisch und ausgelassen wie früher mit der Jugend Unsinn trieb, die älteren Herren durch ihr Geplauder bezauberte, so daß sie bald wieder der Mittelpunkt war, um den sich alles drehte, schüttelte Maud ernst den Kopf und flüsterte ihrer Schwester zu:
„Die Irma ist doch wirklich eine arge Kokette; von ihr kann man auch sagen: Viel Lärm um Nichts!“