Agnes schwieg und schaute bekümmert nach Irma, die gerade auf dem Sofa saß. Vor ihr stand Hans Reicher und hörte mit ernster Miene ihrem Geplauder zu. Das Mädchen war bildschön, wenn möglich noch schöner als früher, aber ihrem Benehmen fehlte das reizend Kindliche, das sie so unwiderstehlich gemacht hatte. Mit ausgesprochener Gefallsucht streckte sie den kleinen Fuß vor, um dessen tadellose Form zur Geltung zu bringen; sie bemühte sich, während sie saß, die anmutigste Haltung anzunehmen, lehnte ihr blondlockiges Köpfchen an den Sessel, weil sie wußte, daß es sich von dem roten Plüsch besonders vorteilhaft abhob; sie lachte, um ihre Perlzähnchen zu zeigen, schlug die großen Vergißmeinnichtaugen bald schüchtern, bald wieder übermütig auf und bemerkte mit einem häßlichen Triumphgefühl befriedigter Eitelkeit, wie sie den guten Hans in Verwirrung brachte und bezauberte.
„Ob Hans weiß, was Irma durchgemacht hat?“ fragte Maud plötzlich ihre Schwester.
„Nein, wer sollte ihm das erzählt haben?“
„Ich dachte, du oder Ludwig.“
„Ich werde mich hüten. Wir haben das Recht nicht, Irmas Geheimnis an die große Glocke zu hängen — das wäre garstig.“
„Allerdings,“ gab Maud zu, „aber ich glaube, der arme Hans hat wieder Feuer gefangen, und siehst du denn nicht, wie furchtbar sie mit ihm kokettiert?“
„Gewiß, aber weil sie so stark aufträgt, wird er's wohl merken, und tut er das nicht, so ist er ein Schaf,“ entgegnete Agnes unwillig.
Hans Reicher war der Einladung zu Mauds Hochzeit mit schwerem Herzen gefolgt. Ihm bangte vor dem Wiedersehen mit Irma. Fern von ihr, in Anspruch genommen durch seinen Beruf und seine vielen Geschäfte, hatte er die Kraft besessen, seinen Kummer zu beherrschen, das Unvermeidliche zu tragen, ohne sich in Sehnsucht zu verzehren nach einem Glück, das ihm unerreichbar dünkte. In den ersten Wochen nach Gustavs und Floras Hochzeit hatte er täglich die Anzeige von Irmas Verlobung mit Hochstein erwartet, und als diese nicht kam, schließlich Ludwig ausgeforscht.
Aber der Bruder, der von seiner Braut nicht in Irmas Herzensgeheimnisse eingeweiht war, hatte nichts gewußt, und Hans zu stolz, um sich bedauern zu lassen, hatte nicht weiter geforscht und nicht widersprochen, als Ludwig eine Anspielung machte, daß seine Zuneigung für das schöne Mädchen rasch verflogen zu sein schiene.
Trotz aller Vernunftgründe, die dafür sprachen, die Einladung abzulehnen und Irma nicht wiederzusehen, um seine teuer erkaufte Ruhe nicht von neuem aufs Spiel zu setzen, war er doch zur Hochzeit gekommen, getrieben von seiner Sehnsucht nach der Geliebten. Er hatte sich aber fest vorgenommen, ihr kühl gegenüber zu treten und ja nie den unglücklich Liebenden zu spielen, um nicht ausgelacht zu werden.