Irma begrüßte ihn mit unerwarteter Herzlichkeit. Sie sprach so freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teilnahme an allem, was ihn betraf, schaute ihn so merkwürdig an, daß der arme Hans seine guten Vorsätze vergaß und seine Hoffnung, Irma dereinst doch die seine zu nennen, sich auf Riesenschwingen emporhob. Von Hochstein hörte er nichts, also war das doch nur ein vorübergehender Flirt gewesen. Seine Klugheit verließ ihn vollständig; er war wie mit Blindheit geschlagen, merkte die Gefallsucht des schönen Mädchens nicht, sondern sah dieses in dem Lichte, in dem er es sehen wollte, und so kam er zu dem Entschluß, nicht eher heimzukehren, als bis er Gewißheit hätte.
An dem Abend, an welchem Maud ihre Schwester auf Irmas leichtfertiges Betragen aufmerksam machte, fühlte Hans sich im siebenten Himmel. Er erzählte von seinem Schaffen und Streben, von den Verbesserungen, die er in den letzten Jahren eingeführt habe, und sie tat, als lauschte sie aufmerksam, klappte dabei ihren Fächer auf und zu, hielt ihn aber zum öftern vors Gesicht, um ihr unterdrücktes Gähnen zu verbergen, und sagte endlich:
„Trotz alledem ist's doch wohl ein bißchen langweilig, immer auf dem Lande zu sitzen, Hans, wie? Möchten Sie nicht lieber in einer großen Stadt wohnen?“
„Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in meiner Umgebung und bei meiner Arbeit vollkommen glücklich.“
„Sie sprechen von ‚bisher‘, ist es denn jetzt nicht mehr so?“
„Jetzt bin ich nahe daran, mir einen Beruf zu wünschen, der mich mehr unter Menschen und in das Leben und Treiben der Großstadt führt.“
„Wie ist das möglich?“ fragte Irma mit der unschuldigsten Miene von der Welt. „Warum denn?“
Hans beugte sich zu ihr herab. Er sah bleich aus, und seine Lippen bebten als er ihr zuflüsterte:
„Weil ich es dann eher wagen würde, eine Bitte auszusprechen, deren Erfüllung mich zum glücklichsten aller Sterblichen machen würde. Verstehen Sie mich, Irma?“
„Hans!“ ertönte plötzlich die barsche Stimme von Professor Fuchs, „wir brauchen einen vierten Mann zum Whist. Von Ludwig kann natürlich keine Rede sein; als Bräutigam ist er verliebt und also nicht normal; kommen Sie nur mit, mein Junge.“