„Aber Onkel Heinz,“ schmollte Irma, „da ist doch noch Gustav und Papa.“

Der alte Herr fing an zu lachen. „Mit den beiden spiele ich nicht; ich glaube nicht, daß sie einen Buben von einem König unterscheiden können.“

„Ich habe keine Lust, meine Dame im Stich zu lassen, Herr Professor,“ wehrte sich Hans, „ich mache mir nichts aus Whist.“

„Der Mensch kann nicht immer tun, was er am liebsten mag; wenn ich den ganzen Abend das Getue und Geschwätz der Leute hier sehen und anhören muß, kriege ich einen neuen Gichtanfall. Also erbarmen Sie sich des alten Brummbären.“

Hans schaute Irma an; sie lachte ihm mit solch lieblichem Erröten und solcher Verheißung in den strahlenden Augen zu, daß ihm vor seliger Erwartung schwindelte. Er ergriff ihr Händchen, drückte es so kräftig und lange, bis es ihr förmlich weh tat, und folgte Onkel Heinz.

Irma seufzte und lächelte doch zugleich. Ihr gegenüber hing ein großer Spiegel; sie schaute hinein und dachte gerade, wie wunderhübsch sie doch eigentlich sei, als sie im Glase dem ernsten Blick der Großmama begegnete, welche sie ruhig und streng ansah. Das Mädchen wandte sich ab und wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Aber sie befand sich in übermütiger Laune. Der Kummer, den sie erlitten, hatte sie zuerst fast zerschmettert; dann hatte die arge Niederlage ihrer Eitelkeit den Schmerz verdrängt, und das Gefühl des Unglücks und der Trauer hatte sich in Bitterkeit umgewandelt. Sie war an ihrem wundesten Punkt getroffen worden, nun raste sie weiter auf dem Wege, den sie einmal eingeschlagen hatte — und als Hans ihr an diesem Abend das Geleite gab und ihr beim Einsteigen in den Wagen zuflüsterte:

„Darf ich Ihnen morgen weitererzählen, Irma, was ich erbitten möchte, und was mich so unendlich glücklich machen würde?“ neigte sie ihr Köpfchen, zog die Hand zurück und lispelte kokett:

„Ich habe wirklich gar keine Ahnung, was das sein kann, aber wenn Sie mich zu Ihrer Vertrauten machen wollen, ist mir's recht.“

Nun stand sie in ihrem Schlafzimmer im weißen Unterröckchen vor dem Spiegel und bürstete ihr Goldhaar. Sie nahm die seidenen Locken in die Hände und streichelte sie liebkosend, wobei ihr einfiel, womit Otto von Hochstein sie so oft verglichen hatte: mit Kornähren, auf welche die Sonne schien, mit gesponnenen Sonnenstrahlen und flüssigem Gold. In einer bitteren Aufwallung wand sie ihre Locken plötzlich in einer dicken Flechte um den Kopf und tat dies so heftig und mit so harter Hand, daß verschiedene von den spinnwebenfeinen Goldfäden an ihren spitzen Fingerchen hängen blieben.

Da öffnete sich die Tür ihres Zimmers, und Ilse, bereits im Nachtgewand, das weiße Haar unter einer Haube verborgen, trat ein.