„Weshalb raten Sie mir das, gnädige Frau?“

„Irma ist noch so jung ...“ entgegnete Ilse zögernd, „so unbesonnen.“

„Ach, gnädige Frau, wenn das der einzige Grund ist, dann glaube ich, daß eine Liebe wie die meine, so warm, so treu und gut gemeint, sie reifer machen wird.“

„Es gibt noch einen andern Grund.“

„Und wenn es hundert gäbe, Frau Gontrau,“ rief Hans ungeduldig, weil die alte Dame nur in halben Andeutungen sprach, „ich kann nicht warten; gestern habe ich Irma gegenüber bereits angedeutet, daß ich heute diese wichtige Frage stellen werde. Warum sind Sie dagegen?“

„Weil Irma Sie zur Zeit noch nicht liebt, und wenn sie Ihren Antrag annimmt, es aus Trotz tut, aus gekränkter Eitelkeit, weil ein anderer mit ihr sein Spiel getrieben hat.“

Hans Reicher wurde totenbleich und schaute Ilse Gontrau entsetzt an. Über sein offenes, ehrliches Antlitz legte sich ein Ausdruck so tiefen Kummers, daß sie fühlte, wie ihre Augen feucht wurden. Ganz in der Nähe stand eine Bank unter einem Platanenbaum, der sie den Blicken Vorübergehender entzog. Sie nahm seine Hand und zwang ihn, sich neben sie zu setzen.

Dann erzählte sie ihm alles.

Er hörte ihr zu, gesenkten Hauptes und mit fest zusammengepreßten Lippen. Ilse hatte wohl einen Ausruf der Entrüstung, des Schmerzes erwartet, aber er schwieg.

„Reicher,“ begann sie endlich wieder, „Sie müssen doch einsehen, daß ich Ihnen das alles gesagt habe, weil es meine Pflicht ist, weil ich nicht anders konnte. Ich habe Irma gewarnt, doch sie hat nicht hören wollen. Möglich, daß ich zu schwach gegen sie war, aber ich habe sie so über alle Maßen lieb! Jetzt muß ich sie gegen ihr eigenes Ich zu schützen suchen. Sie braucht eine harte Lehre. Ist Ihre Liebe groß genug, um ihr diese zu erteilen?“