Pastor Adolf Müller war ungefähr sechs Jahre, nachdem sein Sohn Fritz sich mit Marianne Gontrau verheiratet hatte und nach San Franzisko gezogen war, gestorben. Rosi und ihre einzige Tochter Elisabeth hatten das freundliche Pfarrhaus verlassen müssen und waren nach einem andern Stadtteil übergesiedelt. Dort hatten sie eine Wohnung ganz nach ihrem Geschmack gefunden — ein düsteres, ziemlich großes Haus mit zwei Stockwerken, einem langen Korridor und einer Küche. Die dunkel tapezierten Zimmer wurden mit schweren, massiven Mahagonimöbeln ausgestattet. Rosi liebte helle Farben und neumodisches Mobiliar nicht, und Elisabeth teilte ihren Geschmack. Die Schränke, Tische und Stühle waren so glänzend poliert, daß ein Spiegel überflüssig schien, obgleich einer in schwarzem Rahmen über dem Kamin hing. Nirgends war ein Stäubchen zu entdecken, und alles stand fein säuberlich an der Wand in Reih und Glied, denn Rosi ärgerte sich über die verrückte Sitte, im Salon alles bunt durcheinander zu stellen. Die Kissen und gepolsterten Sitze der Sessel und Sophas waren mit riesigen gefältelten Schonern bedeckt, denn die beiden Damen, die wenig ausgingen, sich außer in der Kirche nie an öffentlichen Orten zeigten und selten Besuch bei sich sahen, beschäftigten sich vorzugsweise mit Handarbeiten. Durch die Heirat der Kinder wurde der Umgang mit der Familie Gontrau aufrecht erhalten, da aber auf beiden Seiten keine große Sympathie herrschte, nahm der Verkehr auch im Laufe der Jahre nicht zu. Rosi billigte es nicht, daß Ilses älteste Tochter Ruth einen Künstler geheiratet hatte, daß sie selbst Konzerte gab und viel mit Künstlern, ja sogar mit Schauspielern verkehrte. Leo und Ilse ertrugen Rosis beschränkte Ansichten um der Kinder willen, hüteten sich aber vor einem intimen Umgang.
Diese Umgebung war sicher nicht geeignet, um aus Elisabeth, die an sich schon ein steifes, zurückhaltendes Wesen besaß, ein fröhliches, liebenswürdiges Menschenkind zu machen. In ihrer Jugend hatte sie unter dem Druck gelebt, der seit Fritzens Flucht aus dem Elternhause jahrelang auf Rosi und Adolf lastete. Als später alles zum Guten ausschlug und Fritz als ein tüchtiger, vermögender self-made man aus der Fremde heimkehrte, galten alle Liebe, alle Aufmerksamkeiten ihm, und die bescheidene Elisabeth, die sich stets bemüht hatte, ihrer Mutter in strengster Pflichterfüllung nachzueifern, war ganz in den Hintergrund getreten. Der Pastor sah das wohl ein, er hatte aber nie viel zu sagen gehabt. Er bemühte sich, Rosi klar zu machen, daß sie Elisabeth in die Gesellschaft einführen müßten, damit sie ihre Jugend genießen könne. Rosi war nicht seiner Meinung; je stiller und unbeachteter ein junges Mädchen seinen Weg ging, desto besser. Ein ernster Mann wüßte es zu schätzen, wenn er ein Mädchen heiratete, das unbekannt und unbesprochen durch die Welt ging und dessen Tugenden im eignen Hause zur vollen Geltung kamen. Aber trotzdem erhielt Elisabeth nie einen Heiratsantrag. Anfangs war sie darüber unglücklich und beneidete ihre, in dieser Hinsicht bevorzugten Freundinnen.
Als die Jahre vergingen und die Aussichten immer mehr schwanden, wurde sie verbittert. Nachdem der Vater gestorben und sie mit der Mutter die düstere, kasernenartige Wohnung bezogen hatte, ergingen sich beide in lieblosen Gedanken und scharfen Äußerungen. Die eine verurteilte die Mütter, die alles daran setzten, ihren Töchtern einen Mann zu kapern, und die andre brach den Stab über die Mädchen, die den jungen Leuten nachliefen und dadurch ein Schandfleck ihres Geschlechtes wurden.
Solange die Mutter lebte, die mit ihr fühlte und für die sie sorgen konnte, verknöcherte Elisabeth noch nicht ganz, aber als sie nach ihrem Tode allein auf der Welt stand, wurde sie die unangenehme, bissige alte Jungfer, die sich für nichts interessierte als für die Sauberkeit und Ordnung in ihrem Haushalt, für einige Wohltätigkeitsbestrebungen, die mit echter Menschenliebe und Selbstverleugnung wenig zu schaffen hatten, für ihre Sammlung von Häkelmustern und für die Gesundheit ihrer Katze, ihres Kanarienvogels und ihres Hundes. Sie wurde geizig, mißtrauisch und klatschhaft; die Leute mieden und verlachten sie. Nur wenige hatten Mitleid mit ihr und sahen ein, daß sie wohl eine verrückte alte Jungfer, aber doch eigentlich ein beklagenswertes Geschöpf war, verdorben durch Erziehung und häusliche Verhältnisse. Ilse Gontrau, die selbst viel gelitten — erst durch Nellies Tod und dann vor allem durch den Verlust ihres geliebten Leo — urteilte milder und konnte es nicht leiden, wenn Elisabeth Müller von allen, besonders von den Männern und dem jungen Volke verspottet und lächerlich gemacht wurde. Sie sah in ihr eine arme Verlassene, an der das Glück mitleidslos vorübergegangen war. Wenn sie auch zugeben mußte, daß der Gegenstand ihres Mitleids höchst unsympathisch war; wenn sie auch für ihre guten Absichten stets unangenehme Redensarten zu hören bekam, sie blieb fest in ihren Bemühungen und gab sich daher auch jetzt erst zufrieden, als die Mädchen mit Karl sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Tante Elisabeth machten.
„Brr!“ sagte der kleine Junge, „was für 'ne Straße! Das ist ja rein zum Gruseln.“
„Dort wohnt die Tante, in dem Haus mit den Spionen und den grünen Rollläden,“ belehrte Irma.
„Nicht verlockend,“ meinte Maud. „Warum steht bei dem herrlichen Wetter nirgends ein Fenster auf?“
„Damit kein Staub hineinkommt.“
„Glaubst du, Irma, daß sie uns was Leckeres anbieten wird?“ fragte Karl.
„Selbstverständlich. Aber wenn sie es tut, Kinder, nur nicht danken. Sie wagt gewiß nicht, es zu unterlassen, in der stillen Hoffnung, daß wir dankend ablehnen werden. Denn geizig ist sie!“