Die großen Vergißmeinnichtaugen blickten unschuldig und kindlich in das schmale, dunkle und doch hübsche Antlitz der andern. Maud begriff nicht, warum ihr Tränen in die Augen traten; sie war doch sonst nicht so weichherzig. Plötzlich schlang sie die Arme um Irmas Hals und küßte sie.
„Ich reizte dich,“ flüsterte sie. „Ich glaube, ich möchte dich gar nicht anders haben als du bist.“
Endlich brach der große Tag an, der zu Fritz' und Mariannes Heimkehr bestimmt war. Ilse konnte kaum daran glauben. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, seit die blonde Marianne ihrem Manne nach San Franzisko gefolgt war. Ihre Mutter stellte sie sich noch immer vor als das feine, zarte Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, und nun kehrte sie heim als Frau und Mutter erwachsener Kinder, von denen die Älteste übers Jahr auch schon in die Ehe treten sollte.
Den ganzen Tag herrschte größte Geschäftigkeit. Schon früh morgens hatte die ganze Familie sich nach dem neuen Hause begeben, wo Herr und Frau Müller empfangen werden sollten. Ein großes Festmahl ward hergerichtet. Maud gab mit gewohnter Ruhe und Sicherheit den neuen Dienstboten ihre Befehle. Tante Ruth, die sich schon als junges Mädchen nie mit dem Haushalt beschäftigt hatte und seit ihrer Verheiratung die ganze Sorge dafür andern überlassen mußte, schaute bewundernd zu, wie Maud in kurzer Zeit ohne Umstände allerlei Dinge beschaffte, wozu sie selbst Stunden gebraucht hätte. Großmutter Ilse war zu aufgeregt, um sich um irgend etwas zu kümmern. Sie, die jetzt meist gleichmäßig ruhig blieb, wanderte rastlos hin und her. Sie lief durch sämtliche Räume, fragte Maud und Agnes hundertmal, ob auch alles in Ordnung sei, und zählte die Stunden, die halben Stunden, zuletzt die Minuten, die noch verlaufen mußten, ehe die Erwarteten eintreffen konnten. Im Garten waren Irma, Agnes und Karl beschäftigt, Lampions und kleine Fähnchen zwischen den Bäumen anzubringen und die letzte Hand an eine Ehrenpforte zu legen, die sie mit Hilfe von Gärtner und Zimmermann errichtet hatten. Sogar der stets so stille und zurückhaltende Gustav, der den Kopf voller Melodien, sich am glücklichsten fühlte, wenn er allein am Flügel in Großmutters Salon bleiben konnte, beteiligte sich an der allgemeinen Geschäftigkeit, stand auf einer Leiter und befestigte zwischen dem dunklen Tannengrün rote und weiße Rosen und bunte Gladiolen.
Ilse hatte an Tante Elisabeth geschrieben und sie gebeten, auch zu kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz behauptete, die alte Essigpflaume werde das ganze Fest und die Freude des Wiedersehens stören, aber Frau Gontrau blieb fest. Die einzige Schwester von Fritz und die rechte Tante der Kinder gehörte zu ihnen, und es wäre nicht mehr als recht und billig, sie einzuladen. Ein allgemeiner Jubelschrei brach los, als eine Absage von der alten Dame kam. Sie schrieb ein sauersüßes Briefchen, in dem zwischen den Zeilen zu lesen stand, daß der Hauptgrund ihr Ärger über die Mädchen war, die, ohne sie um Rat zu fragen oder sich an ihre Bemerkungen zu kehren, das Haus eingerichtet hatten und viel zu beschäftigt gewesen waren, um den Besuch bei der Tante zu wiederholen. Sie wolle die Freude des ersten Beisammenseins nicht stören. Sie begreife, daß man da lieber ganz unter sich sein möchte, und zöge es vor, später zu kommen, wenn man für sie mal einen Moment Zeit hätte &c. &c. Sogar Ilse war nahe daran böse auf dies Geschöpf zu werden, das sich stets zurückgesetzt fühlte und in seiner Unzufriedenheit und Böswilligkeit die besten Absichten falsch auslegte. In ihrem Herzen war sie freilich auch froh, daß Tante Elisabeth nicht kam, aber es tat ihr weh, daß die Kinder sich darüber so außerordentlich freuten, und das einsame Wesen, das sich sein Leben selbst verdarb, erregte ihr höchstes Mitleid.
Es war bestimmt, daß das junge Volk zur Bahn gehen sollte. Ilse wollte Schwiegersohn und Tochter in Gesellschaft Ruths, ihres Mannes und Onkel Heinz' im Hause erwarten. Letzteren rechnete man so ganz zur Familie, daß er nicht fehlen durfte. Mit seiner gewohnten Heftigkeit hatte er sich zuerst dagegen gewehrt. So 'n alter Knaster gehörte bei solcher Gelegenheit nicht dazu; es ginge ihn nichts an, wenn Sohn und Tochter nach so langer Abwesenheit zum ersten Male die Mutter wiedersähen. Als die Kinder kamen, war es etwas andres, jetzt aber müsse er sich schämen, wenn er auch wieder so unbescheiden wäre, seine Nase mit hineinzustecken.
„Unsinn, Onkel Heinz,“ erklärte Ilse, „Mariannes erste Frage würde nach Ihnen sein. Und“ fügte sie leise, nur ihm verständlich hinzu, „nun mein Leo nicht mehr ist, müssen Sie an seiner Stelle sein Kind bewillkommnen, das wissen Sie wohl.“
Da drückte der Professor seiner alten Freundin dankbar die Hand; die Augen wurden ihm feucht, aber um das nicht merken zu lassen, schrie er Karl an, daß die Transparentbuchstaben des „Willkommen“, die über der Ehrenpforte prangten, schief ständen und daß doch nie etwas ordentlich gemacht werde, wenn er sich nicht darum kümmere.
Endlich hielt Ilse ihre blonde Marianne in den Armen, und in ihre Tränen mischte sich Freude über das Wiedersehen und Trauer im Gedanken an den Heimgegangenen.
Onkel Fritz machte, nachdem die erste Rührung vorüber war, fröhlich Bekanntschaft mit seinem Schwager von Holten, seinem Neffen Gustav und seinem Nichtchen Irma und frischte sofort mit Onkel Heinz alte Erinnerungen auf. Die ganze Gesellschaft schritt paarweise durch sämtliche Räume des neuen Hauses, betrachtete und bewunderte alles und vereinigte sich in fröhlichster Stimmung bei der Abendmahlzeit. Beim Nachtisch stiegen die Raketen im Garten prasselnd in die Höhe, und zwischen den dunklen Bäumen glänzten die Lampions. Das Knallen der Champagnerpfropfen erregte lauten Jubel bei der Jugend, Professor Fuchs brachte den schwungvollsten, wärmsten Toast aus, der je über seine Lippen gekommen war, und an diesem Abend gab es in der ganzen Stadt keine glücklicheren Menschen als Großmutter Ilse Gontrau mit ihren Kindern und Enkeln.