Irma schaute Hans lachend an, roch an ihren Rosen und befestigte sie sorgfältig in ihrem Gürtel. Ruth näherte sich ihr und flüsterte tadelnd:

„Du mußt nicht so kokett sein, Irma, mein Kind.“

„O, es ist doch nur Hans,“ versetzte sie, während sie sich mit einem strahlenden Lächeln auf dem reizenden Gesichtchen zu Agnes gesellte. Ruth warf einen mitleidigen Blick auf den jungen Mann.

Die Gesellschaft nahm an den inzwischen gedeckten Tafeln Platz und tat sich gütlich an den schmackhaft bereiteten Speisen und dem Rheinwein, der in zierlichen, goldglänzenden Römern perlte.

Nach dem Essen gingen Ruth und ihr Mann noch einmal zu dem Wasserfall, um das großartige Schauspiel in aller Stille zusammen zu genießen. Fritz und Marianne wanderten mit Maud ein Stück in den Wald. Ilse sehnte sich, nun die lebhafte Mittagsstunde vorüber und es im Garten fast leer geworden war, still unter dem Laubwerk der hohen Bäume zu ruhen und Onkel Heinz teilte ihren Wunsch. Tante Elisabeth suchte sich im Hause ein bequemes Sofa, wo sie ihr Mittagsschläfchen halten konnte. Das junge Volk beschloß, der Abtei einen Besuch abzustatten.

Ludwig und Agnes gingen voraus. Der Pfad durch den Wald war nicht sehr eben, hier und da sogar recht ungebahnt. Es dauerte denn auch nicht lange, so bot der junge Leutnant seiner Dame den Arm. An einer Stelle, wo große, knorrige Wurzeln und ein ganzer Baumstamm den Weg sperrten, legte er den Arm um die Taille des jungen Mädchens und half ihr über die Hindernisse hinweg. Irma folgte mit Hans, behielt aber Karl an ihrer Seite und nahm keine Notiz von ihrem Anbeter. Des Morgens im Wagen war sie ganz freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn zwar geneckt, sich jedoch seine etwas ungeschickten, aber gut gemeinten Huldigungen gern gefallen lassen. Nun würdigte sie ihn kaum einer Antwort, beschäftigte sich nur mit Karl und sprang ausgelassen mit diesem über die Baumwurzeln. Hans seufzte. Vom ersten Augenblick an, als er in Irmas strahlende Augen geschaut, hatte das verwöhnte, von allen verhätschelte Kind sein Herz im Sturm erobert. Er kämpfte dagegen, sagte sich, daß es eine Torheit sei, sich so plötzlich zu verlieben, aber trotz seiner ernsten Natur konnte er nicht anders. Er fühlte, daß er Irma wahrhaft liebte und daß es keine Tändelei, sondern eine ernste, tiefe Zuneigung war, die unzerstörbar in seinem Herzen lebte. Daher tat es ihm weh, sie jetzt so launisch und flatterhaft zu sehen. Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken an den glänzenden Studenten, der Irma erröten gemacht und den sie mit einem Blick angesehen hatte, wie ihn, Hans, noch keiner getroffen, auch wohl nie einer treffen würde. Trotz seiner Verliebtheit aber war er kein Narr; er bewahrte seine Würde und ließ Irma ganz unbehelligt.

Er wollte sich Flora und Gustav anschließen, die den Nachtrab bildeten. Doch auch ihnen schien seine Gesellschaft nicht erwünscht zu sein. Der sonst so verträumte Gustav warf ihm einen unzufriedenen Blick zu, und endlich bat ihn Flora, ob er nicht nach dem Wirtshause gehen und ihren vergessenen Spitzenshawl holen möchte. Sie fände es kalt und wolle ihn dort mit Gustav auf jener Bank erwarten. Gutmütig erfüllte Hans ihren Wunsch, aber als er mit dem Shawl zurückkam, fand er das junge Paar nicht mehr; er nahm auf dem aus unbehauenen Stämmen errichteten Sitze Platz und verlor sich in Betrachtungen über die Torheit verliebter Leute.

In der Zwischenzeit hatten die Übrigen die Ruine des ehemaligen Klosters erreicht und schweiften zwischen den Mauerresten, Treppen, Spitzbogen und Gewölben umher. Durch die Öffnungen und Spalten, durch die klaffenden Risse blickten überall der wolkenlos blaue Himmel und die dunklen Wälder herein. Die grauen, von der Zeit geschwärzten Mauern waren ganz mit Efeu, Schlingpflanzen und wilden Blumen bewachsen; hier und da erhoben sich zwischen den moosbedeckten Steinen einige kleine Fichten- und Tannenbäumchen. Im Grase verstreut lagen noch einzelne Grabsteine, deren Inschriften der Zahn der Zeit fast verwischt hatte; einige freilich waren noch lesbar und trugen die Namen längst verstorbener Mönche und Abte. Totenstille herrschte, und die ganze Umgebung atmete die Romantik des Verfalls und zeugte von vergangener Größe. Sogar Irma fühlte sich davon bewegt; ruhig setzte sie sich in die Nische eines verwitterten Bogenfensters und schaute träumerisch vor sich hin. Karl, zu lebhaft, um still zu sitzen, hatte ein paar Eichhörnchen entdeckt, deren lustige, flinke Sprünge ihn tiefer in den Wald lockten; die andern beiden Paare wählten sich auch ein ihnen zusagendes Ruheplätzchen, und so war Irma allein. Sie bot ein entzückendes Bild, von der Fensternische wie von einem breiten Rahmen umgeben. Sie nahm die Rosen aus ihrem Gürtel und atmete ihren süßen Duft ein, dann, einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, drückte sie ihre Lippen auf die feinen Blättchen. In demselben Augenblick hörte sie einen raschen Schritt, fühlte sie, wie das Blut ihr in die Wangen schoß und Baron von Hochstein stand vor ihr.

Er tat, als habe er nichts gesehen, grüßte höchst ehrerbietig, schien erst vorüberschreiten zu wollen und blieb dann plötzlich stehen.