„Nun, dann werde ich auch Ludwig nichts sagen.“

Irma legte ihr Köpfchen an Agnes' Schulter und begann flüsternd ihre Erzählung, wie sie schon bei der Landpartie gemerkt habe, daß Baron von Hochstein sie sehr reizend finde, wie er einige Tage später an sie geschrieben und ihr seine Liebe bekannt, und wie sie nach Verabredung eine rote Rose im Gürtel, am Fenster stehend, ihm ihre Gegenliebe verraten habe. Auf sein wiederholtes Schreiben und dringendes Bitten habe sie nach schwerem Gewissenskampf in ein Stelldichein gewilligt und ihn heute nachmittag auf der Chaussee im Walde getroffen.

Agnes' Gesicht verdüsterte sich immer mehr, aber sie sagte nichts. Erst als sie hörte, was die Liebenden heute beschlossen hatten, rief sie entrüstet:

„Aber Irma, wie konntest du das tun?“

„O, ich weiß, daß es schlecht war,“ schluchzte das arme, kleine Ding. „Aber ich hab' Otto so lieb. Du liebst Ludwig doch auch und mußt daher mit mir fühlen können. Hättest du denn nicht ebenso gehandelt?“

„Ich!“ rief Agnes. „Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben, ganz gewiß aber ihm den Rücken gekehrt. Was bildet er sich ein? Wie darf er's wagen, dir geradezu zu sagen, daß du ihm nicht ebenbürtig bist!“

„Aber bedenke doch, die Barone von Hochstein! So ein altadliges Geschlecht! Noch nie ist in seiner Familie eine Mesalliance vorgekommen. Er steht weit über mir!“

„Welch ein Unsinn!“ entgegnete Agnes heftig. „Laß ihn mit seinem altadeligen Geschlecht nach dem Monde gehen. Welcher verständige Mensch legt in unsern Tagen Wert auf so etwas? Damit sollte er uns in Amerika kommen! Er über dir stehen! Du bist im Gegenteil unendlich erhaben über ihn, du, das Kind so genialer Eltern. Was haben seine Eltern wohl je geleistet?“

„Er denkt gewiß ebenso. Wirklich, Otto ist nicht vorurteilsvoll, aber seine Eltern sind doch nun einmal so furchtbar stolz.“

„Sprich mir nicht von Stolz! An deiner Stelle wäre ich viel zu stolz, mich in eine Familie einzudrängen, die es wagte, auf mich herabzusehen!“