Irma seufzte; sie hatte gehofft, Agnes würde die Sache ganz anders auffassen, mehr mit ihr übereinstimmen und sich wohl gar geschmeichelt fühlen, daß ein Baron ihrer Cousine seine Liebe gestanden hatte. Die nüchterne, praktische Art, mit der die Amerikanerin diesen für Irma doch so hochinteressanten Fall behandelte, enttäuschte sie sehr. Nirgends sah sie Hilfe, nirgends einen Ausweg, und sie fing wieder an bitterlich zu weinen.
Tränen waren etwas so Ungewohntes bei der sonnigen, lustigen kleinen Irma, die immer lachte und von jedem auf den Händen getragen wurde, daß Agnes plötzlich ein großes Mitleid mit dem armen Kinde fühlte.
„Weine nicht, Liebling,“ sagte sie zärtlich. „Ich sehe ein, daß es hart für dich ist, aber so kann die Sache nicht weitergehen. Du mußt ihm schreiben, daß du keine heimlichen Zusammenkünfte mehr mit ihm haben willst. Es ist unverzeihlich, daß du es schon einmal getan hast, aber geschehene Dinge sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist seine Pflicht gegen dich, sofort deinen wie seinen Eltern ein offenes Geständnis abzulegen. Will er das nicht, so muß zwischen euch alles aus und zu Ende sein.“
„Nein, um nichts in der Welt,“ schluchzte Irma. „Ich liebe ihn, und er liebt mich.“
„Seine Forderung beweist das Gegenteil,“ versetzte Agnes entrüstet. „Ich bitte dich, du wirst ihm doch kein Stelldichein mehr geben! Versprich mir das.“
Irma schwieg.
„Du darfst es nicht. Und tust du es doch, so sag' ich's der Großmama.“
„Das wäre garstig von dir; du hast mir versprochen, es keiner Menschenseele zu verraten.“
„Ja, das ist wahr, na, ich werd's auch nicht tun, du kannst mir vertrauen, aber Irma, du handelst sehr unbesonnen.“
„Es wird schon alles recht werden,“ sagte das junge Mädchen, in dem Wunsche, ihren Otto und sich zu verteidigen. „Er sagt, die Heimlichkeit würde nicht lange dauern, und er ist so edel, so feinfühlig. Du mußt doch zugeben, Agnes, daß ich mein Wort nicht brechen kann, ich hab's doch versprochen.“