Agnes war durchaus nicht einverstanden, merkte aber, daß Irma nicht zu überzeugen war. Auch überlegte sie, daß, wenn sie ihrer Empörung über Otto von Hochsteins Verhalten zu sehr Luft machte, Irma ihr das Vertrauen entziehen würde. Und es war doch besser, daß jemand um die unvorsichtigen Handlungen des kleinen Lieblings wußte, um ihn warnen und überwachen zu können. Daher tröstete sie ihr Bäschen so gut es ging, und gelobte aufs neue, das Geheimnis treu zu bewahren. Etwas erleichtert und beruhigt ging Irma nach Hause, wo sie in ihrem Leichtsinn sich einredete, keine Unwahrheit zu sprechen, als sie auf Ilses Frage, ob sie bei Müllers gewesen sei, um Agnes abzuholen, mit einem „ja, Großmama,“ antwortete.
Einige Tage später kam Nachricht von Holtens aus München. Gustav, dessen Name immer bekannter wurde, hatte sich um den Posten eines Lehrers am Konservatorium in I. beworben und die Stelle erhalten. Das war für einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren ein großes Glück. In sechs Wochen mußte er das Lehramt bereits antreten, und seine Hochzeit sollte so bald wie möglich stattfinden, denn er wollte nicht ohne Flora das neue Leben beginnen.
Großmutter Ilse schüttelte den Kopf.
„Sie sind ja beide noch Kinder. Die sollen schon heiraten? So unerfahren, wie sie sind!“
„Aber du warst doch auch sehr jung, als du heiratetest, Großmama,“ wandte Irma ein.
„Ja, mein Kind, aber dein Großvater war ein anderer Mann als Gustav, der ganz in seiner Kunst aufgeht und vom praktischen Leben keinen Schimmer hat. Und Flora?“
„Es wird schon gehen,“ meinte Irma, die über die Nachricht sehr glücklich war. Die Aussicht, daß ihr Bruder in I. wohnen und sie dadurch Gelegenheit haben würde, oft nach der Universitätsstadt zu fahren, war himmlisch. Auf diese Weise würde es viel leichter sein, Otto öfter zu sehen. Als sie Agnes ganz aufgeregt von diesem Glücksfall Mitteilung machte, schüttelte das praktische, kluge Mädchen sein weises Köpfchen.
„Es ist und bleibt verkehrt, und überdies, wenn Gustav in I. wohnt, wird er bald etwas merken.“
„Gustav! der merkt nichts. Du weißt doch, wie verträumt er immer ist. Glaubst du, daß er überhaupt noch an etwas anderes denken kann, als an seine Musik und an Flora?“ —
Die junge Braut kam nun wieder mit ihrer Mutter zu Gontraus auf Besuch, um alles für ihre Aussteuer zu besorgen. Irma ging oft mit nach I., und fand dann ab und zu Gelegenheit, Hochstein zu sehen. So geschah es, daß die Kleine, — bisher die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit selbst — Schritt für Schritt weiter in den Irrgarten der Lüge und des Betrugs hinein geriet. — Es kostete ihr keine große Mühe mehr, ihre aufsteigenden Zweifel und Gewissensbisse zu beschwichtigen und mit sich selbst Frieden zu schließen. Auch gab Otto ihr immer von neuem die Versicherung, daß sie durchaus nichts Unrechtes tue, indem sie vor ihrer Großmutter und ihren Eltern etwas verbarg. Er verstand es, sehr besorgt und schön über Frau Gontrau zu reden, die doch schon alt sei und sich ganz unnütze Sorgen machen würde, wenn sie wüßte, daß der Baron und die Baronin von Hochstein noch nicht ihre Einwilligung zur Verlobung gegeben hätten. Und Irmas Eltern, die so fern von ihr weilten, würden sich auch nur unnötig aufregen. Es war doch viel besser zu schweigen, bis die Geschichte ganz in Ordnung käme, und daß dies bald geschähe, daran brauchte Irma doch nicht zu zweifeln. So beruhigte sie sich immer wieder und fuhr fort, wissentlich Unrecht zu tun, wobei sie sich trotzdem glückselig fühlte. —