Flora und Gustav sollten kurz vor Weihnachten heiraten. Die ganze Familie begab sich zu dem Feste nach dem Landgut, auf dem Flora Werner wohnte.
Ilse war wehmütig bewegt, als sie das Haus wieder betrat, wo sie vor vielen Jahren als junge Frau mit Nellie zu Gaste gewesen war. Wie anders sah jetzt alles aus als damals! Die Besitzung hatte sich in den letzten Jahren unter der Oberleitung von Hans ganz außerordentlich gehoben und verschönt, und Flora, wenn sie auch nicht mehr so tätig war wie früher, stand auch jetzt noch, wo sie konnte, den Dorfbewohnern mit Rat und Tat bei. Ab und zu schrieb sie auch noch Verse, und am Hochzeitsmorgen überraschte sie die junge Braut mit einem langen Gedicht, das sie in der Nacht verfaßt hatte.
Es kam darin viel vor von Liebe und Kunst und herrlichem Beruf, von Lorbeeren, die der Künstler ernte, und die er seinem angebeteten Weibe zu Füßen lege. Die kleine Flora verstand zwar nicht viel davon, fand es aber doch sehr schön.
In vollstem Glanze stieg die Wintersonne an dem Hochzeitstag des jungen Paares empor. Die enge Dorfstraße, die der Festzug passieren mußte, wimmelte von Menschen. Fast aus jedem Hause wehte eine Fahne, und hier und da waren Ehrenpforten errichtet aus Tannengewinden, mit bunten Papierrosen verziert. Bäume, Felder und Wiesen hatten sich in ein fleckenloses Brautgewand gehüllt; die goldenen Sonnenstrahlen spielten auf dem Schnee und streuten glitzernde Diamanten darüber aus. An den funkelnden Farben, die sich über die blendend weiße Welt ergossen, konnte das Auge sich nicht satt sehen. Das Innere der kleinen Dorfkirche im Lichterglanz und Blumenschmuck war wie ein Feenmärchen. Fast noch die reinen Kinder standen Gustav und Flora vor dem Altar. Die junge Braut in einem einfachen weißen Kleide, die grüne Myrtenkrone auf den goldschimmernden Flechten, und der schlanke Bräutigam mit dem verzückten Blick und dem träumerischen, ernsten Antlitz.
Die Freunde und Verwandten erschienen als gute Feen und Beschützer — alle beseelt von dem innigsten Wunsch, das junge, eben verbundene Paar möge so glücklich werden, wie es zwei Menschen, die sich lieben, hier auf Erden nur sein können.
Auch Irma befand sich als Brautjungfer mit im Zuge. Ihr Brautführer war ein junger Rechtsgelehrter, ein Freund der beiden Reichers. Eigentlich hätte Hans sie führen müssen, aber seit Irmas Ankunft hatte er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Er war sehr heiter, was sie mit Staunen wahrnahm, während sie in ihrer unbewußten Eitelkeit geglaubt hatte, den armen Hans bedauern zu müssen, weil er hoffnungslos in sie verliebt wäre. Er behandelte sie höflich und freundlich, aber von der Verehrung, die er ihr noch vor kurzer Zeit bewiesen, konnte sie nichts mehr entdecken. Sie behauptete zwar, daß ihr das ganz gleichgültig sei, aber im Grunde fühlte sie sich doch verletzt und ärgerte sich. Die Kleine, von allen verwöhnt und bewundert, wußte, daß sie auffallend hübsch war — ihre Umgebung hatte ihr das nur zu oft gezeigt — aber bis jetzt hatte das noch keinen schlechten Einfluß auf ihren Charakter gehabt. Ihre Koketterie war unschuldiger Art, seit jedoch Baron Hochstein ihr eitles Köpfchen mit seinen Redensarten und Schmeicheleien verdrehte, bildete sie sich ein, etwas ganz Besonderes zu sein, und fand es daher nicht mehr wie recht und billig, daß Hans Reicher ihr Sklave und Anbeter bliebe, vielleicht gar an seiner unglücklichen Liebe zu Grunde ginge. Wäre er ihr mit einer Liebeserklärung lästig gefallen, würde sie ihn jedenfalls ausgelacht haben, aber geschmeichelt hätte sie sich dadurch doch gefühlt. Nun er ihr zeigte, daß er ohne sie leben konnte, grollte sie ihm.
Hans war in seinen Gefühlen kein anderer geworden; er begriff jedoch, daß die einzige Möglichkeit, auf ein Wesen wie Irma Eindruck zu machen, darin bestand, ihr zu imponieren. Von Herzen gern wäre er zu ihr gegangen und hätte sie beschworen, ihm gut zu sein, aber als er ihr reizendes Gesichtchen erblickte, aus dem die kindliche, unbefangene Lieblichkeit verschwunden war, kam ihm sein Stolz zu Hilfe, er erwiderte ihre Spöttereien mit kühler Höflichkeit und wendete sich zu Maud, in deren Gesellschaft er sich jetzt am glücklichsten fühlte. —
„Hans ist einer der tüchtigsten jungen Leute, die ich je gesehen habe,“ sagte Maud, als sie alle wieder in F. waren. „Er ist ein ganzer Mann, klug und bedächtig, einer, der weiß, was er will, wie mein John auch. Damals im Sommer glaubte ich, er sei ernstlich in dich verliebt, Irma. Wenn du ihn durch deine Koketterie abgeschreckt haben solltest, würdest du mir leid tun, denn nicht jedes Mädchen findet einen solchen Mann.“
Doch vor Irmas Seele tauchte in diesem Augenblick eine hohe, aristokratische Gestalt auf, vornehm und elegant, mit der verglichen Hans ihr wie ein Bauer erschien. Sie zuckte nur geringschätzig die Achseln, als ob sie sagen wollte: