„Kennst du das Märchen vom Schweinehirten, Irma?“ fragte Onkel Heinz.
„Nein,“ versetzte die Kleine, und da sie auf dem Antlitz des Professors einen spöttischen Ausdruck sah, vor dem ihr unwillkürlich bange ward, fügte sie hinzu:
„Und ich will es auch nicht kennen.“
„Aber ich,“ fiel Agnes ein, „ich liebe Märchen über alles; als wir Kinder waren, wollte Vater jedoch nicht, daß wir Märchen lesen oder hören sollten; „das ist nur unpraktisches Zeug,“ meinte er, „das euch einen ganz falschen Begriff vom Leben gibt. Märchen, Balladen, Legenden — in Deutschland mögen sie am Platze sein, für Amerika passen sie nicht.“
„Komm her, Irma,“ nahm Onkel Heinz von neuem das Wort, „und hör' zu.“ Er ergriff ihr widerstrebendes Händchen und zog sie näher zu sich heran. Die andern lachten über ihr böses Gesicht. Das kleine Fräulein war in letzter Zeit oft so reizbar; aber hier gab es doch wirklich keinen Grund, zornig zu werden.
„Es war einmal,“ begann Onkel Heinz.
„Wie abgeschmackt,“ schmollte Irma.
„Es war einmal ein armer Prinz[(2)], er besaß ein Königreich, welches ganz klein war, aber doch groß genug, um sich darauf zu verheiraten, und verheiraten wollte er sich.
Freilich schien es etwas keck von ihm, daß er zur Tochter des Kaisers sagte: ‚Willst du mich haben?‘ Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und breit berühmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gern ja gesagt hätten, — ob sie es tat?
Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, der blühte nur jedes fünfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Blume, aber diese eine Rose duftete so süß, daß jeder, der daran roch, allen Kummer und alle Sorge vergaß. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall, die konnte singen, als ob alle schönen Melodien in ihrer Kehle säßen. Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und deshalb wurden sie beide in große silberne Behälter gesetzt und ihr zugesandt.