„Ach du,“ nahm die Kleine wieder das Wort, „du bist verlobt und bist doch so kalt, so scheußlich praktisch — du weißt ja gar nicht, was Liebe ist.“
„Möglich,“ versetzte Agnes, „eins aber weiß ich wohl. Wenn Ludwig mich überreden wollte, etwas Unredliches und Schlechtes zu tun, dann würde ich ihn laufen lassen, und wissen, daß er nicht der ist, für den ich ihn hielt. Die Versicherung gebe ich dir — und meinen Kummer würde ich überwinden.“
Irma schwieg. Die widersprechendsten Gedanken stritten sich in ihrem Köpfchen. Sie besaß genug gesunden Verstand, um sich bei ruhiger Überlegung zu sagen, daß Agnes recht habe. Aber Otto war so schön, so unwiderstehlich, er hatte ihr Herz ganz mit Beschlag belegt, und sie, sie glaubte ihn wahrhaft zu lieben. Wie sehr sie auch an Großmama, den Eltern und den andern hing, wenn sie Otto aufgeben müßte, würde deren Liebe sie nicht zu trösten vermögen, und dann ... der Gedanke, Baronin von Hochstein zu werden, war ihr in letzter Zeit immer lieber und vertrauter geworden. Manchmal stellte sie sich bereits vor, wie es sein würde, wenn sie als Ottos Frau ihren Platz in den glänzenden Sälen des Schlosses seiner Ahnen, von dem er ihr solche Wunder erzählte, einnehmen würde. Sie sah sich als Braut in der Familienkapelle vor dem Altar, nicht in einfachem, weißem Nesseltuch wie Flora, sondern in einem Kleide von Silberbrokat, mit funkelnden Diamanten bestreut, und in ihrer Nähe, außer den eigenen Verwandten, einen weiten Kranz hochadliger Damen und Herren, vornehme Offiziere und Minister, die Brust mit Orden bedeckt. Ja, wer weiß, vielleicht ließ sich der Kaiser gar durch einen seiner Adjutanten vertreten, denn am Hof würde sie dann natürlich schon vorgestellt sein.
Es war hart, all diesen schönen Aussichten Lebewohl zu sagen, noch härter aber, ihren glänzenden Studenten aufzugeben. Und doch, wenn sie sich aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurück versetzte, vernahm sie eine Stimme in ihrem Innern, die ihr zurief, daß ihr nichts andres übrig bleiben werde. Sie seufzte tief und brach aufs neue in Tränen aus.
„Aber was willst du denn? Was soll ich tun?“ fragte sie endlich, als Agnes sie in ihre Arme zog und sich bemühte, sie zu trösten.
„Ihn zum letzten Male fragen, ob du alles erzählen darfst, und wenn er es nicht zugeben will, unwiderruflich und für immer Abschied von ihm nehmen.“
„Ich kann nicht,“ stöhnte Irma, „er wird mir böse werden und mir vorwerfen, daß ich mein Versprechen nicht halte.“
„Wann hast du wieder eine Zusammenkunft mit ihm?“
„Morgen nachmittag.“
„Soll ich an deiner Stelle gehen und ihm sagen, wie der Hase läuft?“ fragte Agnes, mit einem streitlustigen Gesicht.