„Nein, ums Himmelswillen nicht! Er weiß nicht, daß du meine Vertraute bist. Er würde mir das nie verzeihen.“
Agnes zuckte ungeduldig die Achseln. Noch eine Weile weinte Irma, dann stand sie auf.
„Ich will es tun,“ sagte sie, „du hast recht, es ist furchtbar, so etwas vor Großmama geheim zu halten, aber verliere ich Otto, so sterbe ich ganz gewiß.“
„Es stirbt sich nicht so leicht,“ dachte Agnes, aber sie war klug genug, das nicht zu sagen. „Hör' mal,“ sagte sie laut, „ich will morgen mit dir kommen; hab' keine Angst, dein Baron soll mich nicht sehen, erst wenn eure Begegnung vorüber ist, wollen wir uns auf einem vorher verabredeten Platze treffen und zusammen nach Hause gehen.“
Am folgenden Tage goß es in Strömen, die Straßen waren naß und schmutzig, alles sah trostlos grau und düster aus. Eilig schritten die beiden Mädchen nebeneinander her, bis sie die Chaussee erreichten. Irma hatte fast kein Wort gesprochen und auf alles, was die Freundin sagte, nur einsilbig geantwortet. Besorgt schaute letztere ihre Cousine an. Selbst jetzt, in einem grauen Regenmantel gehüllt, ein einfaches Filzhütchen auf dem Goldhaar, war die Kleine bildhübsch. Um sie etwas aufzumuntern, scherzte Agnes:
„In meinem Regenmantel seh' ich aus, als ob ich in einem Sack steckte; deiner steht dir famos, wie alles, was du anziehst.“
Selbst diese Schmeichelei, für die sie sonst nicht unempfindlich gewesen wäre, lockte kein Lächeln auf Irmas Lippen. Ihre Mundwinkel bebten und sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.
„Nur Mut, nicht verzagt!“ tröstete Agnes, „vielleicht läuft die Sache gut ab. Wenn du ihm gehörig ins Gewissen redest, sieht er wahrscheinlich selber ein, daß er nicht recht tut. Wer weiß, ob er dir nicht erlaubt, noch heute deinen Eltern zu schreiben und der Großmama alles zu sagen, dann wird in den nächsten Tagen deine Verlobung angezeigt, und du gehst mit deinem schönen Baron Arm in Arm einher!“
Irma antwortete nichts, der Ton, in dem Agnes über Otto sprach, ärgerte sie, aber sie fühlte sich zu unglücklich, um sich in ein Wortgefecht einzulassen.
Sie hatten schon ein gutes Stück Weges zurückgelegt. Kein Mensch ließ sich auf der Chaussee blicken; die kahlen Bäume tropften vor Nässe, der Boden war durchweicht und schlüpfrig. Agnes schaute umher und mußte leise lächeln. „Kein poetisches Wetter für ein Stelldichein,“ dachte sie, und hatte Lust, einige spöttische Bemerkungen zu machen, bezwang sich aber, blieb stehen und sagte nur: