„Also war's nur eine Aufwallung, eine vorübergehende Verliebtheit! In Wirklichkeit hast du dir nie etwas aus dem Baron gemacht?“

„Nein.“

„Ich bin so froh darüber und fühle mich nun ganz beruhigt. Daraus hätte doch nie etwas werden können. Die Barone von Hochstein halten sich ja für ganz besonders vornehm. Ich bin dankbar, mein Liebling, daß dieser Kummer dir erspart geblieben ist.“

Irma begab sich in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und schluchzte, als sollte ihr das Herz brechen. Sie kam sich so schlecht vor, so heuchlerisch und doppelsinnig, daß sie einen Ekel vor sich selber empfand und im Begriff stand, wieder hinunterzugehen und ihre Schuld zu gestehen. Aber dann fiel ihr ein, wie Otto gesagt hatte, daß dies unwiderruflich alles verderben würde. So beschwichtigte sie ihr Gewissen, indem sie sich vorhielt, es werde ja nur noch ein paar Monate dauern. Dann durfte sie alles beichten und um Verzeihung bitten, daß sie die Großmama in dieser Weise hatte hintergehen müssen.


[(2)] Aus Andersens Märchen: Der Schweinehirt.

Als Irma in I. aus dem Coupé stieg, schaute sie sich überall nach Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttäuscht nahm sie sich eine Droschke und ließ sich nach der kleinen, dicht vor der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.

Es war ein schöner Tag zu Ende Februar; wie holde Frühlingsahnung zog es durch die Luft. Hier und da fingen einige geschützt stehende Büsche an zu knospen, und in dem Gärtchen vor dem Hause blühten gelbe und lila Krokus. Die Villa sah allerliebst aus; von dem hell gestrichenen Giebel hob sich der Fenster und Türen umrankende Efeu malerisch ab.