Irma klingelte, mußte aber lange warten; erst als sie zum zweiten Male die Glocke zog, wurde geöffnet, und eine mürrische Stimme brummte:

„Es wird doch wohl nich so 'ne Eile haben, ich komm schon.“

Eine dicke Dienstmagd in den fünfziger Jahren, mit aufgedunsenem, frechem Gesicht, pechschwarzem Haar und einem Anflug von Schnurrbart auf der Oberlippe ward sichtbar. Sie trug ein dunkles Wollkleid, aus dessen kurzen Puffärmeln die drallen, feuerroten Arme wie fest gestopfte Würste zum Vorschein kamen. Der Boden dröhnte unter ihren Schritten, und sie hatte ganz und gar das Aussehen eines verkleideten Dragoners.

„Ist die gnädige Frau zu Hause?“ fragte Irma erschreckt und kleinlaut beim Anblick dieser martialischen Erscheinung.

„Jawohl.“

„Sagen Sie ihr, daß ich angekommen bin, Fräulein von Holten, die Schwester des Herrn.“

„Nicht nötig,“ damit deutete sie auf eine Tür am Ende des Korridors. Diesem gebieterischen Winke gehorchend, beeilte Irma sich an die bezeichnete Türe zu klopfen. Kein „Herein“ ertönte; sie schaute sich hilflos um, aber das Mannweib war verschwunden. Irma öffnete, prallte indes sofort zurück, denn das ganze Zimmer war mit Rauch erfüllt, der Qualm trieb ihr Tränen in die Augen und reizte sie zum Husten. Als sie nach einigen Augenblicken zögernd eintrat, konnte sie ein geräumiges Gemach unterscheiden, mit eleganten, ganz modernen Möbeln. Sie sah Vorhänge und Wandbekleidungen von hellgrüner Seide, mit stilisierten Blumen durchwirkt, überall in künstlerischer Unordnung durch den ganzen Raum verstreut Büsten, Bilder und Kunstwerke jeder Art. Was Irma aber am meisten in Erstaunen setzte, war Flora selbst, die in einem lose hängenden, weißen Gewande vor dem Ofen kniete und augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer anzuzünden; es wollte nicht brennen, dicke blaue Rauchwolken stiegen aus den Steinkohlen in die Höhe und hüllten die junge Frau vollständig ein.

„Mein Himmel, Flora, was treibst du da?“ rief Irma.

Die Angerufene kehrte sich um, ganz entsetzt beim Anblick ihrer Schwägerin.

„Ach Gott, ist's schon so spät? Ich wollte dich von der Bahn abholen und habe gar nicht auf die Zeit geachtet. Was soll ich nun machen? Das eklige Feuer will und will nicht brennen.“