Andraes Grabungsmethode in den Ruinen Assurs war eine andere als die Koldeweys in Babylon. Er zog 5 Meter breite „Suchgräben“ quer über das ganze Stadtgebiet; sie laufen je 100 Meter voneinander entfernt parallel von der Westmauer bis nach dem Tigrisufer im Osten. Stieß solch ein Graben auf Reste von Palästen, Mauern, Toren, Häusern, Kanälen usw., so grub man seitwärts weiter, bis der ganze Fund bloßgelegt war. Manchmal zwangen Bodengestaltung oder neuere mohammedanische Grabstellen zur Aufgabe des 100-Meter-Zwischenraums. Solch ein unregelmäßiger Graben führte in den Jahren 1909–1911 zur Entdeckung der merkwürdigen Königspfeiler im Winkel zwischen dem breiten Nordteil und dem schmalen Südteil der Stadt. (Vgl. „Die Stelenreihen in Assur“ von Walter Andrae, Leipzig, 1913).

Diese Pfeiler stammen aus der Zeit zwischen dem 14. und 7. Jahrhundert v. Chr. Sie sind flach, oben abgerundet und tragen eine Inschrift oder ein Reliefbild der Personen, zu deren Gedächtnis sie errichtet wurden. Die größten sind aus Basalt und nennen Tukulti-Ninib I., Semiramis und Assurnasirpal III.; kleinere sind mit den Namen anderer Könige und hoher Beamten bezeichnet. Einer aus körnigem, gelbgrauem Kalkstein zeigt das Bild einer Palastdame Sardanapals. Sie sitzt, nach rechts gewendet, auf einem Thron, ist mit Armbändern und Ohrringen geschmückt, trägt Rosetten auf den Schultern und auf ihren üppigen, den Rücken herabwallenden Locken eine Königskrone; in der Linken hält sie eine Blume, die Rechte streckt sie nach oben. Das Gesicht entspricht dem Schönheitsideal des Orients: volle runde Wangen, kräftiges Kinn, gerade, scharf gezeichnete Nase, schön geschwungene, breite Augenbrauen und lachende Lippen.

Phot.: Schölvinck.

Eines dieser Denkmäler nennt Andrae den „Kalksteinpfeiler der Semiramis“. Auf ihm stehen die Worte: „Pfeiler für Sammuramat, die Palastdame Samsi Adads, des Königs des Alls, des Königs von Assur, die Mutter des Adadnirari, des Königs des Alls, des Königs von Assur; die Schwiegertochter Salmanassars, des Königs der vier Weltgegenden.“ Die in dieser Inschrift genannten Könige sind Salmanassar III., Samsi Adad V. und Adadnirari IV., die zwischen 858 und 781 regierten. Nach einem Schlummer, der vor der Gründung Roms begann, hat also der Forscher diese Semiramis von den Toten erweckt und ihre Verwandtschaft mit drei Königen festgestellt. Von ihrem sonstigen Schicksal aber wußte der Stein nichts zu melden. —

So weit war Andraes Werk über die Ausgrabungsergebnisse von Assur gediehen, als der Weltkrieg auch dieses stolze Denkmal deutscher wissenschaftlicher Forschung einstweilen zu einem Torso machte.

Phot.: Schölvinck.

Wir besuchten auch das Haus der deutschen Archäologen am Ufer, ein großes, festes Gebäude, auf dessen Innenhof, wie üblich, eine offene Galerie hinausging. Am Tor trat bei unserer Ankunft die Wache ins Gewehr. Dann empfing uns ein alter Türke, erzählte von der Zeit, als Andrae, Jordan, Lührs und Bachmann hier arbeiteten, und zeigte uns die Zimmer, die jeder von ihnen bewohnt hatte. Jetzt lagen darin vierzehn englische Soldaten und eine Anzahl schwerkranker Inder, die auf dem Wege in die Gefangenschaft zusammengebrochen waren.

Später unterhielt ich mich in der Nähe des deutschen Hauses mit einem dieser Patienten, der sich bereits wieder völlig erholt hatte. Es war ein Hindusoldat, der fließend Englisch sprach und den Anflug europäischer Bildung sehr geschickt mit seiner ursprünglichen orientalischen Weisheit zu verbinden wußte. Auch er hatte anfangs den Versicherungen der englischen Offiziere geglaubt, Deutschland habe aus Raubsucht den Krieg begonnen und die Türkei gezwungen, mitzumachen; die Deutschen seien Barbaren und die Feinde der Menschheit, die Kosaken aber die Herolde der Zivilisation; Deutschland sei schon so gut wie vernichtet, und die Türkei verdiene eine exemplarische Strafe, da sie die Geschäfte der Deutschen besorge. Das alte Lied! Seit dem Fall von Kut-el-Amara war aber dem Hindusoldaten ein Licht aufgegangen. Von der Barbarei der Deutschen und Türken hatte er nichts gemerkt, er war im Gegenteil als Gefangener von den Türken gut behandelt worden. Auch die Bedrohung Indiens durch Deutschland hatte er als Schwindel erkannt, und er wußte nun, daß man ihn gezwungen hatte, für ein Land zu kämpfen, dessen Geschick ihn nichts anging und für das sich zu opfern er und alle seine Landsleute wahrlich nicht die geringste Veranlassung hatten.