Phot.: Schölvinck.
Der Inder bat mich noch, ihn in meinen Dienst zu nehmen, in der Hoffnung, dann früher wieder in seine Heimat kommen zu können. Diesen Wunsch mußte ich ihm natürlich versagen, und er kehrte wieder zu den türkischen Wächtern zurück, die ihre Schützlinge frei umherstreifen ließen. Ich mußte dieser Begegnung noch oft gedenken. Die angeblichen Vertreter der Zivilisation und des Christentums führten die Orientalen gegeneinander ins Feld und brachten sie, was noch schlimmer ist, nach Europa, um gegen Christen zu fechten. Diese Saat Englands wird noch einmal furchtbar in die Halme schießen! Dann werden Männer wie dieser Hindusoldat und viele Tausende seiner Leidensgefährten, die nun wissen, wie man sie betrog, ihren Landsleuten vieles zu erzählen haben!
Am Abend lagen die Hügel von Assur in bleichem Mondschein. Im Lager verklang der Lärm, die Unterhaltung verstummte, und die Steppe schlief. Die lautlose Stille war unheimlich. Leise Schritte umschlichen unsere Betten — waren es Gespenster, die die Mitternachtsstunde aus den tausendjährigen Gräbern der Ruinen ringsum heraufbeschwor? Sollten all der Glanz und die Herrlichkeit der alten Königsstadt doch noch nicht so ganz verschollen sein und nächtlicher Weile eine geisterhafte Wiederauferstehung feiern?
In den Ruinen regte sich nichts. Was mich aus dem Halbschlaf emporschreckte, waren hungrige Hunde aus der Nachbarschaft, die in unserm Lager nach Beute suchten.
Phot.: Schölvinck.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Erlebnisse auf einer Etappenstraße.
Es war eine sehr stattliche Karawane, die am Morgen des 7. Junis, in dünne Staubwolken gehüllt, von Assur nordwärts zog: an der Spitze Konsul Schünemann mit den persischen Reitern, dann unsere Wagen mit türkischen, arabischen und armenischen Kutschern, und als Nachhut 25 Esel, die wir von Arabern gemietet hatten, um unsere Gepäckwagen zu entlasten. Doch bedurften unsere Zugtiere so sehr der Schonung, daß wir beschlossen, heute nur bis Schergat-hauesi zu marschieren, das kaum eine Stunde entfernt war. Wir hatten also reichlich Zeit und folgten daher der Einladung eines Araberhäuptlings vom Hedschadschstamm, der eine Strecke weiter unten am Ufer des Tigris sein Lager hatte.
Die Dörfer der Hedschadscharaber in der Nähe von Schergat-hauesi zählten gegen 100 Zelte mit je 8–10 Bewohnern. Auch bei Kalaat-Schergat und an einigen andern Plätzen bildeten sie kleine Gemeinden Sie gelten schon als Fellachen oder Ackerbauer, haben aber die Liebe der Nomaden zu ihren schwarzen Zelten noch nicht abgestreift.