Das Herz des Basars ist ein kleiner, unregelmäßiger Marktplatz, auf den die Hauptstraßen zusammenlaufen. Hier liegen mehrere Kaffeehäuser. Auf der offenen Veranda des einen habe ich viele Stunden zugebracht. Unter mir ein Gewimmel, wie in einem Ameisenhaufen; würdig einherschreitende Orientalen im Turban oder Fes und in weißen, braunen oder gestreiften Kopftüchern mit Scheitelringen, Chaldäer und Syrier — im Fes, aber sonst europäisch gekleidet —, Priester und Bettler, Frauen mit und ohne Schleier, Hausierer und lärmende Kinder, Eseltreiber mit ihren störrischen Langohren und Kameltreiber durchziehender Karawanen, die nie ein Ende nahmen. Das Reizvollste aber war der Blick über dies Gewimmel hinweg durch den mächtigen Rundbogen des gegenüberliegenden Tores Bab-el-dschiser auf den nahen Strom, die Brücke, die seine Ufer verbindet, und auf die Ruinenhügel von Ninive.
In 35 Bogen zwischen mächtigen Steinpfeilern setzt die Brücke über den Strom. Aber nur auf dem linken Ufer ist sie landfest; bei niedrigem Wasserstand steht sie dort zum größten Teil auf dem Trockenen. Die Strömung geht am rechten Ufer entlang, wo auch das Bett am tiefsten ist, und bei Hochwasser, nach der Schneeschmelze oder nach Frühjahrsregen, würde auch die stärkste Steinbrücke der rasenden Gewalt des Wassers nicht widerstehen. Deshalb hat man hier eine Pontonbrücke angesetzt, deren Verbindungsteil mit der Steinbrücke, je nach dem Wasserstand, seine Lage selbsttätig ändert. Auch unterhalb der festen Brücke läuft ein Fußsteig, der aber nur bei niedrigem Wasserstand begangen werden kann; jetzt war er überschwemmt. Die Brücke wurde vor achtzig Jahren von einem Italiener gebaut, dessen Sohn noch jetzt in Mosul leben soll.
Das orientalische Gepräge Mosuls wird starke Einbuße erleiden, wenn nach dem Kriege die Bagdadbahn fertig ist, und Eisenbahnen, Lokomotiven und Güterzüge die Kamele verdrängen. Schon jetzt hatte die Regulierungsmanie eines Wali auch hier gewütet. Vom künftigen Bahnhof brach man eine Straße quer durch die Stadt zum Tigris. Dadurch fiel eine Menge schöner alter Häuser und Höfe der Spitzhacke zum Opfer. Der Krieg verhinderte bisher den Neubau; infolgedessen sah die Straße aus, als habe ein Erdbeben sie zerstört, oder als hätten die Russen hier wie in Ostpreußen gehaust. Halb abgerissene Häuser standen da, und bloßgelegte Höfe mit hohen Gewölben, Säulen und Marmorarabesken boten einen traurigen Anblick. Ich fragte den Gendarm, den mir der Kommandant als Begleiter mitgegeben hatte, ob der für diese Zerstörung verantwortliche Wali nicht gehängt worden sei. „Im Gegenteil,“ antwortete er lachend, „jedenfalls ist er Ehrenbürger von Mosul geworden!“
Tunnel im Basar.
Meine Streifzüge durch Mosul beschloß ich gewöhnlich mit dem Besuch eines Gasthauses, dessen Besitzer, der Italiener Henriques, mit einer tüchtigen deutschen Frau verheiratet ist; aus Bagdad hatte man ihn ausgewiesen, in Mosul aber ließ man ihn unbehelligt. Er wohnte fast außerhalb der Stadt an einem großen Platz zwischen den Infanteriekasernen, dem Konak und dem Serail, wo die Zivilbehörden ihren Sitz haben, und verschenkte den herrlichsten Nektar, den man sich in der Sonnenglut wünschen konnte, eiskalte Limonade.
Der chaldäische Patriarch, rechts der Herzog, links Koeppen und Staudinger.
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