GRÖSSERES BILD

Erst traten die Männer vor, faßten sich an den Händen und begannen jenen rhythmisch wiegenden Tanz, den ich schon bei den Arabern gesehen hatte. Bald warfen sie sich nach rechts, bald nach links vornüber, jedesmal den Fuß gegen die Steinplatten stemmend, und zwar mit solchem Nachdruck, daß man fürchtete, sie müßten sich die Fußsohlen zerreißen. Der Schweiß floß ihnen vom Gesicht herab, die Augen glänzten vor Eifer; die Tänzer schienen völlig im Bann der immer leidenschaftlicher anschwellenden Musik, die Finger rissen immer ungestümer die Saiten, die Knöchel schlugen mit rasender Schnelligkeit das gespannte Trommelfell, und wie ein saugender Strudel des Tigris wirbelte es um die Maulbeerbäume des Hofes herum.

Am zweiten Tanz nahmen auch die Frauen teil, und den Schluß bildete der Erntetanz der Männer. Erst saßen sie auf dem Boden und schliffen ihre Sicheln zum Takt der Musik. Dann standen sie auf und machten in wiegendem Gang die Bewegungen des Schnitters beim Mähen der Saat. Dann steigerte sich der Tanz zu einem wilden Krescendo.

Hinterher gaben uns die Musikanten in einer Loggia noch ein besonderes Konzert. Sie spielten einen algerischen Marsch, der an der Nordküste Afrikas volkstümlich sein soll, und melancholische, eintönige Weisen zu den Liedern eines arabischen Sängers, denen man stundenlang zuhören konnte.

Das Haus des Chorbischofs war einer der schönsten Paläste in Mosul, und Monseigneur Chajat hatte die Liebenswürdigkeit, mir eines seiner Zimmer als Atelier einzuräumen und mir zahlreiche männliche und weibliche Modelle zu beschaffen. Die Bilder, die ich von ihnen entwarf, erheben keinen Anspruch auf künstlerischen Wert, geben aber wohl einen Begriff von der Mannigfaltigkeit charakteristischer Typen, die Mosuls Straßen und Basare beleben und dem Auge des Malers einen unerschöpflichen Reiz bieten.

Das Tor Bab-el-Dschiser in Mosul mit Blick auf die Tigrisbrücke und Ninive.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Ninive.

Im vorigen Kapitel berichtete ich schon, daß ich am 11. Juni 1916 die alte Seldschukenburg in Mosul bestieg, die sich auf einem steilen Felsen über dem rechten Ufer des Tigris erhebt, und zum erstenmal die alte Königsstadt Ninive vor mir sah — oder vielmehr die Stelle, wo sie ehemals gestanden hat. Keine grauen Massen gewaltiger Mauern, keine Türme mit Zinnen, keine Terrassen von Königspalästen oder festen Bürgerhäusern sind mehr zu sehen; nicht einmal Reste ihrer Grundmauern ragen über der Erde hervor. Alles ist verschwunden; nur drei ausgedehnte, gleichförmige Hügel mit schroffen Abhängen verraten den Ort, wo vor Jahrtausenden die Hauptstadt des assyrischen Weltreichs blühte. Von der beherrschenden Höhe der Seldschukenburg aus erhält man aber wenigstens einen ungefähren Begriff von der Lage und Größe dieser Stadt, und die Phantasie glaubt den Lauf der Stadtmauer zu erkennen. Sonst nichts als graubraune Wüste in glühendem Sonnenbrand.

Und diesen Eindruck unendlicher Verwüstung erhielt ich auch, als ich am 16. Juni mit Professor Tafel, der ebenfalls von Bagdad herübergekommen war, auf dem Ruinenfeld selbst umherstreifte. Nur an zwei Stellen dieses ungeheuern Friedhofes hat sich das Leben noch festgenistet; die eine ist das Dorf Nebi Junus, unmittelbar neben dem südlichen Hügel und selbst auf einer kleinen Anhöhe gelegen, von der die Grabmoschee des Propheten Jonas weithin sichtbar ist, und das Dorf Kujundschik, berühmt als einer der ergiebigsten Fundorte der Assyriologen.