Die Droschke, mit der wir von Mosul über das Rollsteinpflaster der Tigrisbrücke Ninive entgegenfuhren, war mit Seilen umschnürt, weil ihre gesprungenen und eingetrockneten Radkränze und Speichen auseinanderzufallen drohten. Auf dem linken Ufer bogen wir rechts ab und hielten bald am Fuße des Abhangs, von wo ein Fußweg zur Grabmoschee Nebi Junus hinaufführt. Es war gerade Freitag und Gottesdienst in der Moschee.
Oberster Priester der Grabmoschee des Propheten Jonas.
Man empfing uns freundlich und geleitete uns zu einer Dachterrasse hinauf, von der aus eine Tür in den Tempel führte. In einem kleinen Kiosk, einem Turmzimmer mit Fenstern nach allen Himmelsrichtungen, die eine prächtige Aussicht auf das gegenüberliegende Mosul darboten, mußten wir warten, bis die Gebete zu Ende waren, die Allahs Segen auf den Sultan, auf Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph herabflehten und um Sieg über die Feinde baten — eine erbauliche Zeremonie für die anwesenden englischen Untertanen, wenn anders sie aufrichtige Gefühle für England im Herzen hegten. Ein kleiner weißbärtiger Alter, den Turban auf dem Kopf und eine Brille auf der Nase, leistete uns mit mehreren andern Mohammedanern Gesellschaft.
Als die Gläubigen die Moschee zu verlassen begannen, zogen wir die Schuhe aus; unser Führer ergriff meine Hand und bat uns ihm zu folgen. Das Innere des Tempels war sehr einfach und entbehrte jedes Schmucks, nur ein paar verschlissene Teppiche lagen auf dem Boden. Seitwärts vor einem Gitterfenster standen einige indische Mohammedaner im Gebet versunken. Durch dieses Gitter sah man in die Krypta des Propheten Jonas hinab, ein dunkles Loch, in dessen Mitte sich eine sarkophagähnliche Erhöhung abhob. Das eigentliche Grab des Toten soll aber unter diesem Denkmal liegen.
Indische Mohammedaner in der Moschee Nebi Junus.
Eins der Minarette von Mosul hängt bedenklich über. Der Sage nach verbeugten sich alle Gebetstürme in Ehrfurcht, als der Prophet Jonas gleich unterhalb dieses Dorfes, das seinen Namen trägt, vom Walfisch ans Land gespien wurde. Nachher richteten sie sich wieder auf bis auf einen, der noch heute fortfährt, die Bewohner Mosuls an das Grab des Heiligen zu erinnern.
Aus der stillen Kühle der Moschee gingen wir wieder in den Sonnenbrand hinaus und stiegen langsam den Hügel hinab, auf dessen Abhang die ärmlichen Hütten des Dorfes Nebi Junus in amphitheatralischer Anordnung liegen. Auf einem der Höfe hatte sich eine Schar armenischer Flüchtlinge gelagert. Dann fuhren wir eine Strecke nordwärts bis zum Flusse Choser, der von Osten nach Westen die Ruinenstätte durchfließt. Eine schöne neue Bogenbrücke führte hinüber, die aber auch schon so verfallen war, daß wir vorzogen, sie zu Fuß zu überschreiten. Auf einer Landspitze nahm eine Eselkarawane, Führer und Tiere, in dem kristallklaren, fast stillstehenden Wasser ein Bad.