Josefine Saijo, 13jährige Syrierin.
Bald hinter der Brücke beginnt der eine von den Hügeln Ninives, und wir steigen seinen niedrigen Gipfel hinan. Ringsum nur Schutt und Disteln — nichts, was auch nur einigermaßen an die Welt des Altertums erinnert, kaum daß die eingestürzte Mündung eines Tunnels die Spur älterer englischer und französischer Ausgrabungen verrät. Lautlos und öde dehnt sich die sonnenverbrannte Wüste vor uns; nur Scherben zerbrochener Wasserkrüge liegen umher, zwischen denen zahlreiche Eidechsen über glühend heiße Steine dahinhuschen. Die Grundmauern, auf denen Königspaläste und Festungen ruhten, sind im Schutt verborgen, und die Phantasie versagt, wenn sie aus diesem öden Nichts die Herrlichkeit vergangener Jahrtausende erwecken soll. Auf diesem ungeheuern Friedhof sind nicht einmal mehr Grabsteine zu finden, die ihr als Führer dienen könnten, und in meinen Ohren klingen die Worte des Propheten Nahum, zu dessen Grab in dem Dorf Alkosch, neun Stunden nördlich von Mosul, an bestimmten Festtagen die Juden wallfahren: „Es wird der Zerstreuer wider dich heraufziehen und die Feste belagern. Siehe wohl auf die Straße, rüste dich aufs beste und stärke dich aufs gewaltigste. Denn der Herr wird die Pracht Jakobs wiederbringen, wie die Pracht Israels. Die Schilde seiner Starken sind rot, sein Heervolk glänzt wie Purpur, seine Wagen leuchten wie Feuer, wenn er sich rüstet; ihre Spieße beben. Die Wagen rollen auf den Gassen und rasseln auf den Straßen. Sie glänzen wie Fackeln und fahren einher wie die Blitze. Er aber wird an seine Gewaltigen denken; doch werden sie fallen, wo sie hinaus wollen, und werden eilen zur Mauer und zu dem Schirm, da sie sicher seien. Aber die Tore an den Wassern werden doch geöffnet, und der Palast wird untergehen. Die Königin wird gefangen weggeführt werden, und ihre Jungfrauen werden seufzen wie die Tauben und an ihre Brust schlagen. Denn Ninive ist ein Teich voll Wasser von jeher; aber dasselbe wird verfließen müssen. Stehet, stehet, werden sie rufen, aber da wird sich niemand umwenden. So raubet nun Silber, raubet Gold, denn hier ist der Schätze kein Ende und die Menge aller köstlichen Kleinode. Nun muß sie rein abgelesen und geplündert werden, daß ihr Herz muß verzagen, die Kniee schlottern, alle Lenden zittern und alle Angesichter bleich werden. Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die Weide der jungen Löwin, da der Löwe und die Löwin mit den jungen Löwen wandelten und niemand durfte sie scheuchen? Der Löwe raubte genug für seine Jungen und würgte es seinen Löwinnen. Seine Höhlen füllte er mit Raub und seine Wohnungen mit dem, was er zerrissen hatte. Siehe ich will an dich, spricht der Herr Zebaoth, und deine Wagen im Rauch anzünden, und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen; und will deines Raubens ein Ende machen auf Erden, daß man deiner Boten Stimme nicht mehr hören soll. Wehe der mörderischen Stadt, die voll Lügen und Räuberei ist und von ihrem Rauben nicht lassen will. Denn da wird man hören die Geißeln klappen und die Räder rasseln und die Rosse jagen und die Wagen rollen. Reiter rücken herauf mit glänzenden Schwertern und mit blitzenden Spießen. Da liegen viel Erschlagene und große Haufen Leichname, daß ihrer keine Zahl ist und man über die Leichname fallen muß. Und alle, die dich sehen, werden vor dir fliehen und sagen: Ninive ist zerstört; wer soll Mitleiden mit ihr haben, und wo soll ich dir Tröster suchen? Siehe dein Volk soll zu Weibern werden in dir, und die Tore deines Landes sollen deinen Feinden geöffnet werden, und das Feuer soll deine Riegel verzehren. Schöpfe dir Wasser, denn du wirst belagert werden! Bessere deine Festen! Gehe in den Ton und tritt den Lehm und mache starke Ziegel! Aber das Feuer wird dich fressen, und das Schwert töten; es wird dich abfressen wie die Käfer, ob deines Volks schon viel ist wie Käfer, ob deines Volks schon viel ist wie Heuschrecken. Deiner Herren sind so viele wie Heuschrecken und deiner Hauptleute wie Käfer, die sich an die Zäune lagern in den kalten Tagen. Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon, daß man nicht weiß, wo sie bleiben. Deine Hirten werden schlafen, o König zu Assur, deine Mächtigen werden sich legen; und dein Volk wird auf den Bergen zerstreut sein und niemand wird sie versammeln. Niemand wird deine Schaden lindern, und deine Wunde wird unheilbar sein.“ —
Monseigneur Boloß, syrischer Bischof in Dara.
Marie George, 30jährige syrische Katholikin, in Mosul verheiratet.
Fast gedörrt von der Sonne flüchteten wir bald zurück über den Tigris in die schattigen Räume eines der Kaffeehäuser am rechten Ufer, auf dessen oberen Balkonen lauter Beduinen, auf den unteren fesgeschmückte Männer in echt orientalischer Beschaulichkeit ihre Tage verbringen, ihre Tage im wörtlichen Sinne, denn die Besucher richten sich hier für den ganzen Tag ein, zahlen 10 Para und können dafür so viel Kaffee trinken wie sie wollen. In seinen leichten Sommermantel gehüllt sitzt der Gast vor seiner Kaffeeschale, raucht seine Pfeife und tut durchaus nichts; höchstens daß er einmal mit einem Freunde aus Bagdad eine Partie Schach spielt oder mit Bekannten über Geschäfte redet. Geld und Geldgewinn sind außer Lappalien die einzigen Gesprächsgegenstände. Der Weltkrieg kümmert diese Männer nur insoweit, als das wechselnde Waffenglück die Geschäfte beeinflußt. Von seiner ungeheuren Bedeutung für die Zukunft der ganzen Menschheit ahnen, von dem Anlaß des Kampfes, von den Zielen der Gegner wissen sie nichts. Wenn sie nur zur rechten Zeit die geschäftliche Konjunktur ausnutzen und sich am Klang des Goldes in eisenbeschlagenen Kisten freuen können. Alles Übrige ist ihnen gleichgültig — ganz wie gewissen Leuten in Europa, die sich ihrer ungeheuern Verantwortung vor Gegenwart und Zukunft nicht bewußt sind! Stumpf und schläfrig schweifen die Blicke über das bunte Leben auf der Brücke, die badenden Jungen, die schwimmenden Büffel, die zierlichen Gemüseinseln, die durch die Brückenbogen treiben, und über den Strom hinüber zu den Ruinenhügeln Ninives. Langsam gleiten die 99 Kugeln des Rosenkranzes durch die Finger, aber das Ohr vernimmt nichts von den Stimmen der Vergänglichkeit, die mahnend von dort herübertönen. —
Zeichnung von Gustave Doré.
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