Dazu kamen im Jahr 1888 die sogenannten Amarnatexte, die jetzt in Berlin, Kairo und London aufbewahrt werden. Bei dem Dorf Tell el-Amarna zwischen Memphis und Theben fand eine Bauernfrau eine Steinkiste mit 300 Tafeln aus gebranntem Ton; sie enthielten Briefe der im 15. und 14. Jahrhundert v. Chr. regierenden Pharaonen und westasiatischer Fürsten, die jenen tributpflichtig waren. Dieser Fund warf neues Licht auf die Geschichte Vorderasiens und die Verbindungen zwischen Assyrien und Ägypten. Einen dieser Briefe aus dem 15. Jahrhundert schrieb ein König Abdichiba in Urusalim (Jerusalem), das Pharao seinen Herrn nannte; schon ein halbes Jahrtausend vor Salomo wird also die heilige Stadt in einer Urkunde erwähnt.
Die Seldschukenburg.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die Keilschrift und die älteste Bibliothek der Welt.
Wahrscheinlich im vierten Jahrtausend v. Chr. wanderten von Arabien die Ostsemiten nach Südbabylonien ein. Ihre Sprache war das Babylonisch-assyrische, ein Name, der aus den einheimischen Worten Babilu und Aschschur, Babel oder griechisch Babylon und Assur oder Assyrien gebildet ist. Die semitischen Einwanderer, deren ursprüngliche Heimat jedenfalls Nordafrika war, fanden das Land von den Sumerern bewohnt, einem nichtsemitischen Volke, dessen Urheimat wahrscheinlich Zentralasien war. Diese Sumerer sind die ältesten Bewohner Mesopotamiens. Sie wohnten in Ziegelhäusern, bauten ihren Göttern Tempel, trieben Ackerbau, Viehzucht und Jagd und besaßen eine uralte Kultur, deren Höhe zahlreiche Urkunden besonders aus der Regierungszeit des Königs Gudea beweisen. Die lebensgroßen, aus Diorit gehauenen Standbilder Gudeas, die jetzt im Louvre zu Paris aufbewahrt werden, zeugen von einer Kunst, mit der sich kein anderes Land des morgenländischen Altertums messen kann; niemals hat Asien vor der Blütezeit der griechischen Skulptur trefflichere Plastiken hervorgebracht.
Naima, 20jährige Chaldäerin aus Mosul.
Urkunden aus der Zeit Sargons I., etwa 2850 Jahre v. Chr., erwähnen zum erstenmal die werdende Reichshauptstadt Babel oder Babylon; der König habe hier zwei Tempel gebaut. Unter seiner Regierung gewannen auch die Semiten erst die Herrschaft über das ganze Land. In der ältesten Zeit Babyloniens oder Sinears lebten die Sumerer überwiegend in Südbabylonien, das Sumer hieß, die Semiten in Nordbabylonien oder Akkad.
Von Sargon I. berichten zwei Tontafeln eine Geschichte, die an die Aussetzung des Moses erinnert. Sargon, heißt es, wurde am Ufer des Euphrat geboren. Seine Mutter legte ihn in einen verschlossenen, durch Erdpech gedichteten Schilfkorb und warf ihn in den Strom. Der Wasserträger Akki fand ihn und erzog ihn zum Gärtner. Aber die Liebesgöttin Ischtar erhob ihn zum König über die schwarzköpfige Menschheit. Sargon regierte in der Stadt Akkad in Nordbabylonien. Aber diese Stadt war nicht die erste Kulturmetropole. Denn vor Sargon gab es vier sumerische Hegemonien, unter ihnen die der Stadt des Kisch, dessen Herrschaft die Stadt Sirpurla oder Lagasch, das jetzige Tello am Schatt-el-Hai, unterstand. Sargon unterwarf ganz Sumer, doch gewann Sirpurla unter Gudea (etwa 2600) seine Unabhängigkeit zurück. Inschriften aus seiner Zeit berichten von Kämpfen zwischen Babylonien und Elam. Aus französischen Funden geht hervor, daß die Könige der Elamiten viele Plünderungszüge nach Babylonien unternahmen.
Die Sumerer besaßen eine Schriftsprache, die schon bei den klassischen Schriftstellern Beachtung fand, denn alle Ruinen und Kunstdenkmäler der Euphrat- und Tigrisländer, Persiens und Armeniens waren mit den geheimnisvollen Zeichen dieser Schrift bedeckt. Europäische Reisende des vierzehnten Jahrhunderts brachten mancherlei Kunde darüber in ihre Heimat, und der berühmte italienische Reisende Pietro della Valle machte im Jahre 1621 zuerst einige dieser Zeichen in Europa bekannt. Ein französischer Kaufmann namens Chardin, der in den Jahren 1664–1670 und 1671–1677 zwei große Reisen durch den Orient unternahm, teilte dann in seinem vortrefflichen Werke „Voyage en Perse et autres lieux de l’Orient“ (1711) die ersten vollständigen Inschriften mit.