Minarett in Mosul.

Die neue Schrift hatte nur zwei Zeichen, den Keil und den Winkelhaken, der wieder aus zwei rechtwinklig zusammengefügten Keilen bestand. Der Keil stand senkrecht, wagerecht oder schräg, seine Spitze aber zeigte immer nur nach unten oder nach rechts, und der Winkelhaken öffnete sich nur nach rechts. Durch Vervielfachung und verschiedenartige Gruppierung der Keile oder der Winkelhaken und durch mannigfaltige Verbindung beider Zeichen schienen Laut- oder Wortbilder geformt zu sein, die sich ohne Unterbrechung aneinanderreihten. Jede Rundung in den Schriftzeichen fehlte; sie paßten sich ganz dem harten Material an, in das sie eingehauen waren.

Die Bedeutung dieser Zeichen, meinte Chardin, werde man wohl niemals ergründen. Aber schon Pietro della Valle hatte die Vermutung geäußert, daß die merkwürdige Schrift von rechts nach links gelesen werden müsse. Den Beweis dafür erbrachte der deutsche Forschungsreisende Carsten Niebuhr, der von 1761–1767 Arabien bereiste, auch Persepolis, die Hauptstadt der altpersischen Achämenidendynastie, besuchte und alle dort erreichbaren Inschriften mit größter Genauigkeit kopierte. Er erkannte außerdem, daß jene beiden Zeichen, Keil und Winkelhaken, drei verschiedene Schriftsysteme bildeten, und daß diese drei Systeme stets zusammen vorkamen; ein- und derselbe Text war offenbar in verschiedenen Schriftarten eingegraben, die stets in gleicher Ordnung aufeinanderfolgten: erst die einfachste, bei der Niebuhr 42 verschiedene, aus Keil und Winkelhaken gebildete Zeichen feststellte, ihr folgte eine an Wort- oder Lautbildern reichere, und zuletzt kam die schwierigste, die die beiden andern an Mannigfaltigkeit der Bilder übertraf. Eine Entzifferung der Schrift erschien aber noch unmöglich, da man ja nicht wußte, welche Sprache sich darunter verbarg.

Aber gerade das Rätselhafte dieser Schrift ließ den Scharfsinn der Gelehrten nicht ruhen. Im Jahre 1798 fand der Rostocker Professor Tychsen heraus, daß nach höchstens zehn Keilschriftzeichen regelmäßig ein einzelner schräger Keil wiederkehrte; das müsse der Wortteiler sein — eine Vermutung, die sich vollkommen bestätigte und für die weitere Forschung grundlegend wurde. Schon vier Jahre später gelang es einem jungen deutschen Schulmann namens Georg Friedrich Grotefend, ohne Kenntnis der morgenländischen Sprachen, nur durch geniale Kombination, des Rätsels Lösung zu finden. Es handle sich, erklärte er, nicht um dreierlei Schriftarten, sondern um drei verschiedene Sprachen; die erste und einfachste müsse die des Herrscherhauses, demnach die altpersische sein, von der damals nur Bruchstücke bekannt waren. Viele der ihm vorliegenden Inschriften, die Niebuhr aus Persepolis mitgebracht hatte, waren Unterschriften unter Bildern alter Könige, und in diesen Unterschriften traten bestimmte Zeichengruppen regelmäßig auf. Dieselbe Erscheinung zeigte sich in spätpersischen Denkmalinschriften, die man damals bereits lesen konnte. Das immer Wiederkehrende waren die üblichen Titel: König, König der Könige, großer König. Da nun dieser Kurialstil im Morgenland durch die Jahrtausende hindurch derselbe geblieben ist, schloß Grotefend, daß diese gleichartigen Zeichengruppen der Keilinschriften eben diese Titel ausdrückten. Den Titeln voraus pflegten in den neupersischen Inschriften die Namen zu gehen, teils im Nominativ, teils, wenn auch der Vater eines Königs genannt war, im Genitiv; derselbe Name mußte sich also in zwei Formen finden, einmal im Nominativ, dann mit der geänderten Flexionsendung des Genitivs. Auch diese Annahme stimmte, und aus der Form der Titulaturen auf den von ihm zugrunde gelegten Inschriften schloß Grotefend weiter, daß darin nur von drei aufeinanderfolgenden Königen, Großvater, Vater und Sohn, die Rede sein könne. Da die drei Namen verschieden waren, erlaubte die Geschichte der Dynastie nun den weiteren Schluß, daß jene Inschriften von Hystaspes, Darius und Xerxes berichteten. Die richtigen altpersischen Formen jener Namen zu finden, machte allerdings noch Schwierigkeiten, aber auf diesem Wege gelang es Grotefend, von den zweiundvierzig Zeichen der ersten Schriftart elf vollkommen richtig zu deuten.

Seitenportal der Grabmoschee Imam Auneddin in Mosul.


GRÖSSERES BILD

Mangel an Sprachkenntnis brachte seine Weiterarbeit ins Stocken, aber nun setzten berufene Orientalisten, vor allem Eugen Burnouf und Eduard Lassen, die Deutungsarbeit mit Erfolg fort. Zur gleichen Zeit entdeckte Sir Henry Rawlinson als Offizier der persischen Armee die berühmte Inschrift des Darius Hystaspes auf einer steilen Felswand des Berges Behistun bei Kirmanschah, und angeregt und gefördert durch die deutschen Forschungen begann er nach gründlichem Studium der morgenländischen Sprachen die Entzifferung seines Fundes, die er 1847 vollendete. Grotefends Kombinationen hatten sich als vollkommen richtig erwiesen, und das rätselhafte Schweigen der Keilschrift war damit gebrochen, wenigstens der einfachen, deren Sprache zwar nicht das altpersische Zend, aber doch nahe damit verwandt war.

Die beiden anderen Sprachen, die jedesmal Übersetzungen der ersten waren, machten größere Schwierigkeiten. Aber auch sie wurden überwunden. In der zweiten Sprache erkannte man das Elamitische oder Susische, und in der dritten, die erst nach den Ausgrabungen in Mesopotamien, wo man reichliches Vergleichsmaterial fand, gedeutet werden konnte, die babylonisch-assyrische, deren Geheimnis von Rawlinson, de Saulcy, Hincks und Oppert ergründet wurde. Die babylonisch-assyrische Sprache erwies sich als semitisch, also mit dem Hebräischen, Phönizischen, Arabischen und Äthiopischen verwandt. In Deutschland führten dann Eberhard Schrader (gestorben 1908) und Friedrich Delitzsch die Assyriologie zum Siege; der erstere hat bereits einige Generationen von Schülern, die sich der jungen Wissenschaft von der alten Geschichte der Menschheit mit unbestrittenem Erfolge widmen.