Die Keilschrift wurde, wie schon erwähnt, von den Sumerern erfunden, sie war also ursprünglich für eine nichtsemitische Sprache berechnet. Sie bestand aus begrifflichen Wort- und lautgemäßen Silbenzeichen, während die reinen Lautzeichen völlig fehlten. Als nun die semitischen Einwanderer die Schrift übernahmen, um ihre Sprache darin auszudrücken, entstanden so viel Schwierigkeiten und Undeutlichkeiten, daß sie auch im Altertum nur von Gelehrten gelesen werden konnte. Die babylonisch-assyrische Sprache, in dieser Schrift ausgedrückt, war spätestens im zweiten vorchristlichen Jahrtausend in der ganzen vorderasiatischen Welt allgemein üblich. Daß sich die assyrischen Gelehrten Jahrtausende lang einer so verwickelten Schrift mit ihren ungeheuerlichen Begriffszeichen und übrigen Sonderbarkeiten bedienten, spricht nicht eben für ihren praktischen Sinn. Umsomehr aber muß man den Scharfsinn und die Energie der europäischen Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts bewundern, denen es gelang, das Dunkel zu zerstreuen und den Schleier zu heben, der bis dahin die Kulturgeschichte von Jahrtausenden verhüllt hatte. —
Zum Schluß noch einige Worte über die in Ninive gefundene Bibliothek Sardanapals, die älteste Bibliothek der Welt. Sie besteht aus 22000 Tontafeln. Die Schrift auf diesen Tafeln wurde in den Ton eingeprägt, während dieser noch weich war; man erkennt darauf sogar die feinen Linien der Fingerhaut. Dann wurden die Tafeln gebrannt. Jede Tafel ist ein Blatt; mehrere bilden ein Buch oder eine Serie. Ihre Zusammengehörigkeit ergibt sich aus besonderen Aufschriften. Sie ermöglichen uns, 2500 Jahre nach dem Verschwinden der Assyrier die Schätze ihrer Buchkammern zu ordnen. Diese einzigartige Bibliothek ist ein vollständiges Kompendium der assyrischen Kultur und der Weisheit jener Zeit und zugleich ein unvergängliches Denkmal eines der größten Könige des Altertums.
Petros Karso, Chaldäer in Mosul.
Die historische Erzählungskunst der alten Assyrier ist vielseitig und genau und zeichnet sich durch eine achtenswerte Geschicklichkeit in der chronologischen Anordnung aus. Das Archiv Sardanapals enthält Schilderungen des Lebens der Könige, ihrer Feldzüge, ihrer Bauunternehmungen und ihrer Regierungshandlungen zum Besten des Volkes und zur Größe des Reiches. Da finden sich Briefe und Befehle an und von Landeshäuptlingen und Vasallen, Proklamationen, Bittschriften, Privatschreiben, Handelsverträge, Orakel und Adressen an den Sonnengott, Anweisungen für die Opferrituale, die mit den Vorschriften im Buche Moses viele Züge gemeinsam haben, Gebete und Hymnen, die von den Sumerern übernommen sind und die Namen und Funktionen der verschiedenen Götter enthalten — ja in dieser uralten Bibliothek fand sich auch der babylonische Schöpfungs- und Sintflutmythus, der viele Berührungspunkte mit der Bibel aufweist.
Der babylonische Sintflutbericht ist in Kürze folgender: „Auf göttliche Eingebung hin baut Ssitnapischtim, der babylonische Noah, die Arche, belädt sie mit Gold, Silber und Lebenssamen aller Art, bringt seine Familie, seine Angehörigen, Vieh und Getier des Feldes an Bord und verschließt die Schiffstüren. Dann kommt die Sintflut als eine Strafe der Götter für die Bosheit der Menschen. Sobald das Morgenrot aufleuchtete, stieg vom Fundament des Himmels eine schwarze Wolke empor. Der Sturmgott donnert darin, und Nebo und Marduk schreiten voran. Die Herolde ziehen über Berg und Tal, den Schiffsanker reißt Nergal los. Ninib geht dahin und läßt einen Angriff folgen. Die Annunaki erheben ihre Fackeln und lassen das Land mit deren Glanz erglühen. Adads Ungestüm dringt bis zum Himmel hinan, und alles Licht wird verwandelt in Finsternis. Sechs Tage und sechs Nächte rasen die großen Wasser. Dann beruhigt sich das Meer. Die Sturmflut hört auf, und die Arche sitzt auf dem Berge Nissir fest. Am siebenten Tage ließ ich eine Taube hinaus und los. Die Taube flog fort und kam zurück; da aber kein fester Grund da war, kehrte sie um. Ssitnapischtim läßt nun eine Schwalbe ausfliegen. Auch sie kehrt zurück, ohne festen Grund gefunden zu haben. Schließlich schickte er einen Raben aus, der sah das Wasser schwinden und kam nicht zurück. Da ließ Ssitnapischtim alle Menschen und Tiere hinausgehen und opferte auf dem Gipfel des Berges. Die Götter rochen den Duft, und Bel ließ sich bewegen, in Zukunft die Sünden der Menschen anders als durch die Sintflut zu bestrafen, nämlich durch wilde Tiere, Hungersnot und Pestilenz.“
Dieser Bericht gelangte später in das Land Kanaan und findet sich im 1. Buch Moses wieder, wo er jedoch, wie Delitzsch zeigt, in weniger ursprünglicher Gestalt vorliegt.
Sardanapals Bibliothek enthält ferner die ältesten medizinischen „Handbücher“ der Welt. Sie beschreiben die physischen und psychischen Krankheiten, ihre Heilmittel und die Beschwörungen dagegen. Geisteskrankheiten galten als Werke der Dämonen. Traumbücher sprechen von Träumen und ihrer Auslegung. Die Deutung der Vorzeichen war eine Wissenschaft für sich. Man prophezeite die Regierungszeit der Könige, die Siege, die sie erringen sollten, und das Glück, das sie genießen würden. Man sprach im voraus über bevorstehende Ereignisse, über Seuchen, Kriege und Heuschrecken, über Ernte, Jagd und Fischfang. Die Bewegungen der wilden Tiere, das Verhalten der Haustiere, der Flug der Vögel, der Biß der Skorpione — alles hatte seine Bedeutung, die sich den Weisen offenbarte. Aus der Leber des Schafs zog man Schlüsse, ebenso aus der Art des Sesamöls und den Farbenabstufungen der Wasseroberfläche — es war das, sagt Bezold, die Lehre von den Interferenzfarben, die 4000 Jahre später von Newton untersucht wurden. Das Wetter und seine Elemente hatten gleichfalls große Bedeutung, und zukünftige Ereignisse wurden von den Wolken, ihren Bewegungen und ihrer Ähnlichkeit mit Tieren, abgelesen. Zahllose astrologische Prophezeiungen finden sich in Sardanapals Bibliothek. So z. B.: „Eine Mondfinsternis am 11. Tag wird Verderben über die Länder Elam und Phönizien bringen, Glück aber dem Könige, meinem Herrn. Möchte das Herz des Königs, meines Herrn, ruhig bleiben.“
Kurz nach Sardanapals Zeit entwickelte sich die Astrologie zur Astronomie, und Babylon wurde die Heimat der astronomischen Beobachtung. Die Sternbilder des Stieres, der Zwillinge, der Fische hatten Namen, die noch bis in unsre Zeit fortleben. Die Ekliptik war in 360 Grade eingeteilt, der Tag in zwölf Doppelstunden von 120 Minuten, und eine Doppelstunde entsprach 30 Grad. Der 7., 14., 21. und 28. Tag jedes Monats war Gebetstag oder Sabbat, die Woche hatte also sieben Tage. Allem Anschein nach waren die alten Semiten des Zweistromlandes erstaunlich bewandert in Mathematik.
So enthält Sardanapals Bibliothek den ganzen Schatz der babylonisch-assyrischen Kultur und berührt alle Gebiete geistiger Betätigung mit Ausnahme der des Dramas. Ohne jemals die Namen ihrer Verfasser zu nennen, kommen hier, wie an andern Stellen Mesopotamiens, immer neue Funde dieser Art an den Tag, die unsre Kenntnis der Vorzeit wunderbar vervollständigen. Auch der Laie fühlt sich davon unwiderstehlich gefesselt, besonders wenn er, wie ich, so glücklich war, dies erinnerungsreiche Land selbst zu durchwandern.