Indische Gefangene auf dem Weg nach Demir-kapu.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Über Mardin zurück nach Aleppo.
Mit meinem Besuche Ninives war der erste Teil meiner diesmaligen Reise abgeschlossen. Der zweite, über den ich in einem besonderen Buche berichten werde, sollte in Jerusalem seinen Höhepunkt finden. Der einfachste Weg dorthin ging über die türkische Etappenstraße Nesibin-Ras-el-Ain zurück nach Aleppo. Begangene Pfade aber haben mich nie gereizt. Um so verlockender erschien mir der Versuch, das Zweistromland Dschesire und die syrische Wüste zu durchkreuzen und so Palästina zu erreichen.
Ohne starken Schutz wäre dieser Weg aber sehr unsicher gewesen. In diesem Teil des Dschesire haben die Schammar-Araber mehrere ihrer Sommerlager, und sie pflegen mit hergelaufenen Reisenden nicht viel Federlesens zu machen. Dennoch schien sich mein Wunsch erfüllen zu wollen, denn der Stammhäuptling der Schammar-Araber, der mächtige Homedi, war dem deutschen Konsul Holstein in Mosul, in dessen Haus ich verkehrte, sehr ergeben. Homedi hatte eben jetzt sein Hauptquartier bei der alten arabischen Stadt Hatra, 90 Kilometer südwestlich von Mosul, und der Konsul erbot sich, ihn rufen zu lassen und mich seinem mächtigen Schutze anzuvertrauen. Er sollte mich unter starker Beduinenbedeckung durch die Wüste geleiten lassen.
Schon waren die Kamele für diese Wanderung bestellt und alles reisefertig, als sich unübersteigliche Hindernisse meinem Plan entgegenstellten. Bis Hatra, erklärten Homedis Vertreter in Mosul, könne ich ohne Schwierigkeit kommen, da sich an mehreren Stellen dieses Weges Trinkwasser finde. Von da bis Der-es-Sor am Euphrat, auf einer Strecke von 240 Kilometern, gebe es nur zwei Quellen mit salzhaltigem Wasser, das zur Not auch trinkbar sei. In diesem Sommer aber seien beide Quellen, wie die ganze Gegend, derartig von Heuschrecken überschwemmt, daß sich statt des Wassers nur ein Brei toter Insekten finde, und nicht einmal die Beduinen diesen Weg zu benutzen wagten.
So blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit der 320 Kilometer langen Etappenstraße zu bescheiden. Professor Tafel, der den Auftrag erhalten hatte, die Euphratufer zu vermessen, schloß sich mir an, und Konsul Holstein hatte mir noch zwei Deutschrussen zugeführt, die bei Kriegsbeginn in Kaukasien interniert, aber von dort geflüchtet waren und unter fabelhaften Abenteuern vor einem Monat Mosul erreicht hatten. Sie wollten nach Deutschland zurück, um ins Heer einzutreten, und da ich in meinen beiden Wagen, einer herrlichen, uralten, vierspännigen Karosse, die mir Dr. Jaromylek verschafft hatte, und einem Lastfuhrwerk Platz genug hatte, ließ ich mir diese Begleitung gerne gefallen.
Am 20. Juni verabschiedete ich mich von dem Herzog und seinem Gefolge, das sich um Major Gravenstein, Hauptmann von Stülpnagel, Graf Kanitz, den Archäologen Dr. Herzfeld und etliche Offiziere vermehrt hatte, und beim nächsten Morgengrauen brachen wir von Mosul auf. Tafel und ich fuhren in meiner Droschke; dann folgten unsere drei Lastwagen mit Gepäck und Besatzung, und schließlich auf arabischen Pferden unsre asiatische Begleitung, darunter mein Diener Sale und zwei Gendarmen, die für unsere Sicherheit haften sollten. Denn noch vor zwei Tagen waren auf unserm Wege türkische Offiziere aus einem Hinterhalt von Schammar-Arabern angeschossen worden. Ein deutscher Arzt, der zum Stabe des Herzogs stoßen sollte und desselben Weges kam, hatte sich der Verwundeten angenommen. Ähnliche Überfälle, noch dazu am hellichten Tage, waren nichts Seltenes. Die Türken hatten also auf dieser Etappenstraße, der zukünftigen Linie der Bagdadbahn, durch die Unzuverlässigkeit der Araber mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Die deutsche Uniform und besonders der große weiße Tropenhelm galten übrigens als der wirksamste Schutz gegen derlei Überraschungen.
Schon hinter der ersten Gendarmeriestation, dem Dorfe Humedad, ertönte denn auch vor uns plötzlich ein Schuß. Die Wagenkolonne blieb stehen, Tafel warf sich auf eines seiner Pferde und ritt mit den Gendarmen den verdächtigen Gestalten entgegen, die sich vor uns zeigten. Es war aber nichts als eine harmlose Mauleselkarawane, und ihre Begleiter hatten nur deshalb geschossen, um uns, falls wir etwa Straßenräuber seien, darauf aufmerksam zu machen, daß sie nicht ohne Waffen seien.