Straße im Christenviertel von Bagdad.
⇒
GRÖSSERES BILD
Im Jahre 1732 lag Nadir Schah, der Eroberer Indiens, acht Monate lang vergebens vor Bagdad, das der tapfere Ahmed Pascha hartnäckig verteidigte. Dann wurde es mehrmals von Wahhabiten und Muntefik-Arabern bedroht und genoß erst seit 1800 eine Zeit ziemlicher Ruhe, die jedoch öfters durch Pest, Überschwemmungen, Beduinenangriffe, Hungersnöte und Mißwirtschaft aller Art gestört wurde. Im Jahre 1837 berechnete man die Einwohnerzahl auf nur 40000. Midhat Pascha, der in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Generalgouverneur war, brachte Ordnung in die Verwaltung und führte Bagdad zu neuer Blüte.
Dunkler Basartunnel.
Da trat im Jahre 1917 zum erstenmal ein Volk des Okzidents auf den Schauplatz. Bagdad wurde von den Engländern erobert. Es gibt zwar naive Leute, die versichern, nunmehr werde die Furie des Krieges nie mehr über Mansurs Stadt dahinbrausen und Bagdad erst jetzt und für alle Zeiten mit Recht seinen Ehrennamen Dar-es-Salaam, Stadt des Heils, des Friedens, führen. Aber ihre Stimmen sind wie Spreu vor dem Wind. Wenn der nächste Weltkrieg über die Erde stürmt, sind die Gräber dieser Propheten von heute vielleicht längst vergessen, und niemand fragt mehr nach ihrem Glauben. Englands Absicht, über Südpersien hinweg seine Verbindung mit Indien zu befestigen, kann nicht verwirklicht werden ohne einen neuen Kampf auf Leben und Tod mit Deutschland und der Türkei, deren Ziele durch die Bagdadbahn festgelegt sind. —
Was ich im vorigen Kapitel erzählte, war mein zweiter Einzug in die Stadt der Kalifen, die ehemals als Haupt eines mächtigen Reiches, als Wiege der Märchen aus Tausendundeiner Nacht so weltberühmt war und heute als Ziel deutschen Unternehmungsgeistes, als Knotenpunkt der Bagdadbahn nicht weniger in aller Munde ist. Dreißig lange Jahre vorher hatte ich ihr meinen ersten flüchtigen Besuch abgestattet. Wer hätte damals ahnen können, daß ich drei Jahrzehnte später zurückkehren würde zu einer Zeit, in der die Welt vom Steppenbrand des größten aller Kriege heimgesucht wurde! Damals war ich durch Persien von Buschehr aus mit dem großen englischen Fahrzeug „Assyria“ nach Basra und von dort mit dem Flußdampfer „Medschidije“ über Korna, Esras Grab, Amara, Kut-el-Amara, Ktesiphon und Seleucia nach Bagdad gekommen.
Am Abend des 4. Junis 1886 war die „Medschidije“ vor dem Zollgebäude vor Anker gegangen. Vom schmucken Haus des französischen Konsulats hatte die Trikolore geweht. Bei Sonnenaufgang war ich ans Land gerudert, und der alte englische Kaufmann Hilpern mit seiner ehrwürdigen Gattin — oder war ich damals nur so jung? — hatte mich mit ausgesuchter Gastfreundschaft aufgenommen. Drei nach indischer Art möblierte Zimmer standen mir zur Verfügung, und sein türkischer Sekretär Vabib Schika führte mich umher, so daß ich trotz der mörderischen Hitze und der verödeten und staubigen Straßen während des Ramasan alle Sehenswürdigkeiten Bagdads gründlich betrachten konnte. Wo mögen die Freunde von damals jetzt sein? Wahrscheinlich tot. Aber auf den Kreuzen des christlichen Friedhofs suchte ich ihre Namen vergeblich.
Jetzt wanderte in Bagdads Straßen ein neues Geschlecht, eine neue Generation. Die Kinder, die ich damals an den Ufern des Tigris spielen sah, standen jetzt in der Blüte ihrer Jahre, und wer damals die Mittagshöhe des Lebens erreicht hatte, beugte sich jetzt unter der Bürde des Alters.