Am Ufer des Tigris.
Ein Meheile fährt am Ufer entlang. In der Ferne das englische Konsulat.


GRÖSSERES BILD

Auch die Stadt hatte manche Veränderungen erfahren. Eigentlich war alles neu; denn auch die besseren Häuser hier halten sich selten mehr als fünfzig Jahre, da das Ziegelbrennen primitiv und schlecht geschieht. Im Winter setzen Regen, im Frühsommer Überschwemmungen des Tigris den Gebäuden arg zu. An Bauwerken, die mir vor dreißig Jahren bemerkenswert erschienen waren, standen noch das Minarett Suk-el-Gasl, Sobeïds Grab, eine alte Karawanserei im Basar und das Missionshaus der französischen Väter. Unter den neuen am Ufer des Flusses fielen jetzt vor allen die Gebäude auf, die zur Bagdadbahn gehörten; dann das neue englische Konsulat, das schönste Bauwerk der Stadt, das offenbar dazu ausersehen ist, einen mächtigen Eindruck auf die umwohnenden Araber und die nach Kerbela und Nedschef wallfahrenden Perser zu machen. Die alte Schiffbrücke war noch ganz wie früher. Aber die Wasserräder waren aus der Nähe der Stadt verschwunden und durch Motore ersetzt, die in ihre asiatische Umgebung gar nicht hineinpaßten.

Am linken Tigrisufer.

Der Hauptteil Bagdads liegt auf dem linken Tigrisufer. Die vornehmsten Häuser, darunter alle Konsulate, stehen unmittelbar am Wasser; unter ihren langen, offenen Veranden flutet der lautlos dahingleitende Strom. Nur das englische Konsulat ist durch einen schmalen Hof von seinem Kai und seiner Landungstreppe getrennt. Seit der Bau der Bagdadbahn begann, wuchsen auch am rechten Ufer Neubauten empor, und wahrscheinlich wird sich der Schwerpunkt Bagdads in Zukunft dorthin verschieben. Der Strom durchflutet die Stadt von Nordwesten nach Südosten, das rechte Ufer hat daher während der heißesten Stunden des Tages Schatten, während die Veranden des linken Ufers fast immer in praller Sonne liegen.

Wenn abends die wagerechten Strahlen der untergehenden Sonne das Gewirr von Bagdads grauen Häusern purpurn färben, und die Stämme der Palmen unter dem Gewölbe der Blattkronen feuerrot leuchten, scheint das wie ein Abglanz all der Herrlichkeit, die einst Mansurs Stadt umgab; man lebt aufs neue in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, denkt der wunderbaren Reisen des Seefahrers Sindbad und der Lieder, die die Dichter zu ihrer Ehre sangen, und glaubt das alte Bagdad zu seinen Füßen zu sehen, das Herz des weiten Kalifenreiches, dem Karawanen von Osten und Westen zuströmten und dessen Gassen Harun er-Raschid verkleidet mit seinem Wesir Dschafar durchwanderte, um den Reden des Volks zu lauschen und seine Wünsche zu erforschen. Aber dann geht die Sonne unter, der Glanz verlischt, Hausdächer, Kuppeln und Minarette erhalten wieder ihren gleichmäßigen schmutzigen Farbenton, und die Kronen der Palmen ballen sich zu dunklen Wolken über der Stadt zusammen. Das ist die Gegenwart — dies Häuflein Steine ist der dürftige Rest, der noch von der Stadt der Märchen übrigblieb! Man mag im Staub nach Spuren des Alten suchen, nach vergessenen Erinnerungen an die Zeit der Kalifen — vergebens! Nichts als Zerstörung! Eingeborene sammeln und verkaufen Antiquitäten, aber zu erzählen wissen sie nichts mehr. Man wartet geradezu darauf, daß irgendetwas eintrete, was an die Vergangenheit erinnert — vergebens! Bagdad liegt öde da in schläfrigem Traum am Ufer des Tigris. Was man hört sind nur die Mächte der Zerstörung, die niemals müde werden, Menschenwerk zu vernichten.

Auch die Menschen selbst tragen zum Verderben bei. In Bagdad gibt es nur noch wenig zu zerstören, aber selbst dies wenige ist dem Untergang verfallen. Die türkischen Gouverneure scheinen von unersättlichem Bedürfnis nach Stadtregulierungen besessen zu sein. Durch die alten Städte Babyloniens werden breite, gerade Straßen gezogen, die alles, was im Wege steht, dem Boden gleich machen. So auch in Bagdad. Mit welchem Eifer wurden die Häuser niedergerissen, als für die nach Halil Pascha genannte Straße Platz geschafft wurde! Es war lebensgefährlich, in die Nähe zu kommen, und mächtige Wolken Kalkstaub verkündeten schon aus der Ferne die häßliche Zerstörung. Wenn man wenigstens neue Häuser an Stelle der alten gebaut hätte! Aber damit hatte man keine Eile. Wie die neuen Straßen in Aleppo und Mosul sah auch diese aus: als hätte ein Erdbeben ihr Bahn gebrochen. Es war gewiß nicht viel damit verloren, und besonders die Straße Halil Paschas hatte des Ortsverkehrs wegen ihre Berechtigung. Aber die engen Straßen sind einer der charakteristischsten Züge Bagdads; sie sind absichtlich wie schmale Korridore angelegt, nicht aus einem Bedürfnis des engeren Zusammenwohnens, sondern um die Sonne auszuschließen und Gänge zu schaffen, wo der Schatten bleibt und die kühle Luft nicht durch jeden Windzug wieder vertrieben wird. Diese Bauart hat natürlich auch den Nachteil, daß der Regen im Winter und das Überschwemmungswasser im Frühjahr schwer trocknen und einen furchtbaren Morast verursachen.