Die Hauptstraße von Bagdad mit Halil Paschas Haus (links).

Enge Gasse im Christenviertel.


GRÖSSERES BILD

Der sonst so kluge Midhat Pascha ließ die alte Stadtmauer aus der Zeit der Kalifen, eines der vornehmsten Denkmäler Bagdads, niederreißen, weil eine moderne Stadt in ihrer Entwicklung durch eine Mauer gehindert werde. Als ob neue Stadtteile nicht, wie in Jerusalem, außerhalb angelegt werden könnten! Von altersher war diese alte Mauer der beste Schutz gegen Überschwemmungen; seitdem sie beseitigt ist, liegen mehrere Teile der Stadt offen da. Im Winter 1914 wurde Bagdad von einer ganz unerwarteten Überschwemmung heimgesucht, denn der Strom steigt sonst nur im Frühjahr; der Stadtteil Bab-esch-Scheik stand metertief unter Wasser, ganze Straßen fielen in Trümmer und lagen verlassen da, darunter die Straße, die nach Abd-el-Kaders stattlicher Grabmoschee führt, und man fuhr durch die Stadt auf Kähnen, wie in Venedig. Diesmal hatte die Überschwemmung zwar die Stadt selbst verschont, aber die Felder nordöstlich davon in einen uferlosen See verwandelt und dadurch die Heerstraße über Bakuba nach Chanikin und Persien abgeschnitten, so daß man die Truppennachschübe auf Fähren und Flößen, Booten und Guffas über die weite Strecke seichten und sumpfigen Wassers bringen mußte. Von Bagdads Stadtmauer sind heute nur noch unbedeutende Fragmente übrig, darunter die festen Türme an den alten Toren Bab-esch-Schergi, dem Osttor, Bab-el-Gherbi, dem Westtor, Bab-el-Bastani, dem Mitteltor, und Bab-el-Talesm, dem Talismantor, das von einem der alten Abbassiden-Kalifen zu Anfang des 13. Jahrhunderts stammt.

Bagdad hat sechs christliche Kirchen: die chaldäische — die vornehmste und zugleich Kathedrale —, die syrische, die lateinische, die jakobitische, die armenisch-katholische und die armenisch-orthodoxe.

Phot.: Schölvinck.

Die Kathedrale führt den Namen „Die sieben Schmerzen“ oder „Mater dolorosa“. Der Gottesdienst wird in chaldäischer, nicht in lateinischer Sprache abgehalten. Die Gemeinde muß ziemlich vermögend sein, denn der Priester, der mich herumführte, berichtete, der Bau der Kirche, der 1898 vollendet wurde, habe 16000 türkische Pfund gekostet; für eine Kathedrale ist das nicht viel, wohl aber für eine kleine Gemeinde in dem abgelegenen Bagdad. Ein Prachtbau konnte dafür nicht geschaffen werden; sowohl innen wie außen ist die Kathedrale einfach und anspruchslos. Die alte chaldäische Kirche aus dem Jahr 1843, die ich 1886 besuchte, ist jetzt eine Schule. Beide sind durch einen kleinen, mit Ziegeln gepflasterten Hof getrennt. Von außen fallen sie ebensowenig auf wie die übrigen Kirchen; sie liegen alle in dem am dichtesten bebauten Stadtteil, wo die Straßen so eng wie Korridore sind.