Als ich Bagdad vor dreißig Jahren besuchte, wohnten nur wenige Europäer dort. Vor Ausbruch des Weltkrieges zählte man deren mehrere Hundert. Neue Kaufhäuser und Banken waren seitdem entstanden, besonders hatte die Bagdadbahn viele Deutsche herbeigezogen, und während meines jetzigen Aufenthaltes hatten die Aufgaben des Krieges zahlreiche Europäer, darunter viele Deutsche, Träger berühmter Namen, und mehrere meiner Landsleute in deutschen Diensten nach Bagdad geführt. Einige, die zu meinem nächsten Freundeskreis gehörten, nannte ich bereits. Bei Dr. Herle sah ich den hervorragenden Arzt Professor Reich, der auf der Rückreise von Persien am Flecktyphus erkrankt war; er schien dem Tode nahe, überwand jedoch die Krisis und konnte Anfang Juni nach Deutschland heimkehren. Die archäologische Forschung war glänzend vertreten durch die Professoren Andrae und Jordan, die Leiter der Ausgrabungen in Assur, und durch Professor Sarre, der gemeinsam mit Dr. Herzfeld das Geheimnis von Samarra bloßlegte. Beiden Ruinenstädten sind spätere Kapitel meines Buches gewidmet. Die Archäologen Dr. Lührs und Bachmann waren dienstlich an der Irakfront beschäftigt.

Wie Deutschland in allen großen Städten Vorderasiens überaus tüchtige Konsuln besitzt, so auch in Bagdad, wo Dr. Hesses vielseitige Kenntnisse auch für die Kriegführung von größtem Nutzen waren. Früher war der englische Generalkonsul der mächtigste Ausländer hier; er unterstand dem Gesandten in Konstantinopel, war aber auch als politischer Agent und Resident der indischen Regierung tätig. Eine Eskorte von Sepoys und ein eigenes Schiff bezeichneten nachdrücklich seine Machtstellung. Jetzt waren die englischen, französischen und russischen Konsuln verschwunden, nur die von Österreich, Amerika und Persien noch auf dem Posten. Dem persischen Konsul machten die Pilger seiner Heimat viel zu schaffen, die lebenden und noch mehr die toten, die in Decken gehüllt auf Mauleseln nach Kerbela überführt werden mußten.

Kasimen.

Im Stabe des Herzogs traf ich Rittmeister Tschirner wieder, dem ich an der Ostfront bei Suwalki begegnet war. Stabschef war Major von Köppen. In einem Krankenhause lag in bedenklichem Zustande der deutsche Schriftsteller Armin T. Wegner, bekannt durch seine Bücher „Zwischen zwei Städten“, „Gedichte in Prosa“ und andere. Der deutsche Arzt Dr. Schacht führte Schölvinck und mich an sein Schmerzenslager, wo wir eine unvergeßliche Stunde verbrachten.

Mit einer gewaltigen Karawane von Mauleseln und persischen Dienern kam von Teheran der dortige deutsche Gesandte Dr. Vassel und mietete für sich und sein Gefolge ein Stück vor der Stadt ein Haus. Hier wohnte auch Wilamowitz als deutscher Militärattaché in Persien. Als ich meinen Reisekameraden das letzte Mal sah, hatte er hohes Fieber, war aber nicht dazu zu bewegen, das Bett aufzusuchen. Er war gerade Major geworden, und nach Dr. Vassels Abreise war er deutscher Chargé d’affaires. Er hoffte, den siegreichen türkischen Truppen nach Persien folgen und endlich der erstickenden Hitze entfliehen zu können. Seine Krankheit aber verschlimmerte sich plötzlich, und er starb Mitte Juli, eine trauernde Witwe, geborene Freifrau von Fock, und eine kleine Tochter hinterlassend, die jetzt in Stockholm wohnen.

Straße in Bagdad.

An Direktor Wurst hatte die Deutsche Bank in Bagdad einen vortrefflichen Vertreter, dessen Arbeitslast sich ungeheuer vermehren wird, wenn die Bagdadbahn einmal fertig ist. Herr Brown, Chef eines großen deutschen Handelshauses, hatte acht Jahre lang an der Piratenküste des Persischen Golfs unter wenig bekannten Araberstämmen gelebt; durch Handelsverbindungen, die er mit ihnen und den Beduinen in Mesopotamien anknüpfte, besaß er einen großen Einfluß auf diese Völker. Er erzählte mir von dem mächtigen Araberhauptmann Ibn Reschid südlich von Hille, der mit einer Streitmacht von 30000 Mann der türkischen Sache treu ergeben ist, und von andern Stämmen weiter unten am Golf, die auf ihren Kriegszügen die vornehmsten Frauen in schimmernder Pracht auf Dromedaren voranreiten lassen, um den Mut der Kämpfer anzufeuern. Bei Brown wohnte der junge Diplomat Herr Dickhoff von der Deutschen Gesandtschaft in Teheran. Herzog Adolf Friedrich mit Gefolge, Graf Wilamowitz und ich waren oft in Browns Haus zu Gaste, besonders an Mondscheinabenden, wenn man ohne Lampe auf der Dachterrasse sitzen und den Anblick des silberblanken Stroms und der seltsam beleuchteten Palmen genießen konnte.