Kaiplatz in Bagdad.

Elftes Kapitel.
Sommertage in „Dar-es-Salaam“.

Bagdads Sehenswürdigkeiten, d. h. das, was 1258 von den Horden Hulagus und hundertfünfzig Jahre später von Tamerlan verschont wurde, lassen sich an einem Tage besichtigen. Und doch — wie gern verweilt man ein paar Wochen hier, um den unverfälschten Orient und das farbensatte Straßenleben zu genießen. Die Stadt hat eigentlich nur eine Straße, die diesen Namen verdient. Hier kann man sogar Droschke fahren, wenn man nicht gerade in einem unentwirrbaren Knäuel von Karawanentieren, Reitern und Wagen stecken bleibt. Sie setzt die Straße Halil Paschas nach Nordwesten fort und läuft parallel dem Tigris durch die ganze Stadt, durch die vornehmste Pulsader des Basars und weiter am Kopf der Pontonbrücke vorüber auf dem linken Ufer nach der Zitadelle Kala, einem mauerumschlossenen Block von Zivil- und Militärgebäuden, Serail, Konak und Kaserne.

Auf dieser Straße wogt ein bunter Karneval der Rassen — Semiten, Mongolen, Arier, selbst Neger —, der verschiedensten Religionen, Geschlechter und Stände. An den Ecken sitzen die Armen, die übrigens während des Krieges weit minder zahlreich waren, als man erwarten sollte. Auf weißen Mauleseln oder kostbaren arabischen Stuten reiten die Standesherren. Mit unbewußter Majestät, die geborenen Aristokraten Vorderasiens, tragen die echten Araber, die Wüstenbeduinen, ihre weißen, flatternden Kopftücher unter den Stirnreifen und ihre weiten, bis zu den Füßen reichenden Mäntel. Juden überall, in orientalischen Trachten und leicht erkennbar an ihren ausgeprägten Zügen. Dunkelblau gekleidete Araberinnen verstecken die Glut ihrer Augen hinter undurchdringlichen Schleiern. Die türkischen Damen gehen gewöhnlich schwarz gekleidet, oft in Seide, und lassen ebenfalls keinen Schimmer ihrer Gesichtszüge sehen. Die Christinnen Bagdads: Syrierinnen, Chaldäerinnen, Armenierinnen, tragen helle, leichte Gewänder, die wie zusammengefallene Ballonhüllen ihre Formen verbergen, ihre schmucken Gesichter aber den Augen der Männer freigeben. Auch die Trachten der Jüdinnen gleichen denen der Mohammedanerinnen, nur der Schleier verrät sofort die Rasse, ein kleines schwarzes, goldgerändertes Sonnendach, das von der Stirne wagerecht vorspringt oder schwach abfällt und das Gesicht nicht verbirgt, sondern nur beschattet.

In der Hauptstraße von Bagdad.

Die Hauptstraße Bagdads.


GRÖSSERES BILD

Überall malerische Bilder und Gruppen! Sieh nur dort die arabische Mutter, die ihr kleines Kind auf der rechten Schulter trägt und ihren Buben an der linken Hand führt; oder hier die in dunkelblaue Schleier gehüllten Mädchen, die zum Strand hinab eilen, um in schönen Lehmkrügen oder Kupferkannen Wasser zu holen. Auch im Innern der Stadt trifft man sie, wenn man an den kleinen Wasserbehältern unter den schützenden Ziegelwölbungen stehen bleibt; hier lassen sie sich abends nieder, treffen ihre Nachbarinnen, plaudern und tragen die wildesten Basargerüchte weiter.