Die Basar-Ecke Ras-el-Karijeh.


GRÖSSERES BILD

Die vornehmen Privathäuser Bagdads sind alle nach demselben Muster gebaut, mögen sie nun Arabern oder Christen gehören. Ich besuchte einige von ihnen. Äußerlich sind sie sehr unansehnlich. Man bemerkt sie kaum von der engen Gasse her, die von grauen, nichtssagenden Mauern eingefaßt ist. Das Haupttor ist klein, aber meist von geschmackvoll behauenen Steinen umrahmt. Durch einen engen, tunnelähnlich gewölbten Gang gelangt man in einen viereckigen, stets mit Ziegeln gepflasterten Hof, wohin kein Blick von der Außenwelt dringt. Hier wachsen Apfelsinen- und Aprikosenbäume, oft findet man auch ein mit Steinen eingefaßtes Wasserbecken. Vom Hof führt eine steinerne Außentreppe zur Veranda oder Galerie hinauf, die um das ganze Haus läuft. Gäste werden im Eivan oder Ivan empfangen, einer Art Nische auf gleicher Fläche mit dem Hof. Hier herrscht immer Schatten, und man wird auf weichen, roten Sofas und Diwans mit Zigaretten, Kaffee und Eislimonade bewirtet. Im ersten Stockwerk hat die arabische Familie ihr Staatszimmer mit bunter Mosaikdecke, Spiegelglasveranda und teppichbelegtem Boden — persischer Stil und indische Möbel. Im Sommer schlafen auch die Eingeborenen auf dem Dach mit oder ohne Mückennetz. Zu einem vollständigen Haus gehören ein oder mehrere Särdab, die unterirdischen Gelasse, die während der warmen Tageszeit als Wohnräume oder auch als Vorratskeller dienen. An der Decke hängen allerhand Dinge, die den Ratten eine leckere Schnabelweide bieten würden, und an Ratten ist in Bagdad kein Mangel.

In der Hauptstraße des Basars hatte der Syrier Antony Samhiry im Erdgeschoß eines kleinen, einfachen Hauses seinen Geschäftsraum. Hier münden auch ein paar andere Gassen. Der lebhafte Knotenpunkt heißt Ras-el-Karijeh. Bei Samhiry saß ich lange Stunden und sah das bunte Leben vorüberziehen, bald langsam träumend im Takt des Spaziergängers, bald eilig und stoßend, wenn es Geschäften nachging. Eselkarawanen tragen in Weidenkörben oder auf Saumsätteln Gemüse und alle möglichen Waren, die für die tausend kleinen, offenen Kaufläden bestimmt sind. Soldaten und türkische Offiziere in feldgrauer Uniform gehen vorüber, Priester der verschiedenen christlichen Kirchen in langen schwarzen Talaren und sonderbar hohen Kopfbedeckungen, Arbeiter und Träger, ebenholzschwarze Neger, persische Pilger auf dem Weg nach den heiligen Stätten Kerbela, Nedschef oder Kasimen. Manchmal eilt eine Krankenschwester vorbei in ihrer großen, weißen Kappe mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Laute Rufe ertönen: ein Kutscher verlangt für seine Droschke oder seinen Kerbelawagen freien Weg; er bringt Reisende, die in einer der Karawansereien des Basars Unterkunft suchen. Zuweilen werden auch verwundete oder kranke Soldaten auf Bahren nach einem der vielen Lazarette getragen; ja, es vergeht kein Tag, an dem man nicht einem Toten auf dem Weg zum Begräbnisplatz begegnet. Als Leichenwagen dienen oft die wenigen Droschken der Stadt, und der fremde Ankömmling wird deshalb vor ihrer Benutzung gewarnt.

Wohin will die malerische Reiterschar, die da in langsamem Trab durch den Basar die Brücke herauskommt? Jedenfalls nach dem schiitischen Heiligtum Kasimen auf dem rechten Tigrisufer, denn es sind Perser. Voran reitet auf einem großen, weißen Maulesel ein vornehmer Alter. Sattel- und Zaumzeug ist mit Silberplatten belegt, die Decke von rotem Sammet. Ihn begleiten ein junger Mann, wahrscheinlich sein Sohn, und zahlreiche Diener mit der charakteristischen Locke am Ohr und der großen, runden Filzmütze auf dem Kopf. Zuletzt kommen Maulesel und Pferde mit dem Gepäck; die Tscharwadare thronen hoch auf den Bergen von Kisten und Säcken, Ledertaschen und Matten. Die Zahl der persischen Kaufleute in den Basaren ist auffallend groß. Ein lebhafter Handel mit ihrer Heimat geht über Bagdad; die englische Einfuhr aus Indien ist am größten. Wolle, Getreide und Datteln sind die wichtigsten Ausfuhrartikel.

Hof einer Karawanserei in Bagdad.

Der auf dem linken Ufer gelegene Stadtteil, in dem auch die Ortsbehörden ihren Sitz haben, ist dreimal so groß wie der auf dem rechten Ufer. Voraussichtlich wird, wie schon erwähnt, die Bagdadbahn dereinst den Schwerpunkt auf das Westufer zurückverlegen, wo sich ehemals die Prachtgebäude der Kalifen erhoben. Dann wird sich der unternehmungslustige deutsche Handel Mesopotamien und weite Gebiete Arabiens dienstbar machen. Daß Bagdad zurzeit in englischen Händen ist, spielt dabei keine Rolle. Das eiserne Band der neuen Bahn wird auch das türkische Reich fest zusammenschweißen. Im Weltreich der Kalifen ging die bedeutendste Handelsstraße nach Indien und China über Bagdad und den Persischen Golf; sie verfiel mit dem Untergang des Kalifats, wird aber von der Bagdadbahn wieder aufgenommen werden. Auch die Basare, die jetzt während des Krieges ein kümmerliches Leben fristen, werden dann aufblühen wie nie zuvor.

Inneres des Han el-Ortme.