An den größten Basarstraßen liegen die Hans oder Karawansereien; durch kleine Tore und dunkle Gänge gelangt man auf ihre Höfe. Hier stehen die Pferde und Maulesel der Fuhrleute an Lehmständer angebunden; eine offene Galerie führt in die Gastzimmer. Die vornehmste Karawanserei heißt Han el-Ortme; sie stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit der Kalifen und ist eine gewaltige Halle mit gewölbtem Dach; die Pilaster und Ziegelmauern sind aus dauerhafterem Material, als man heute herzustellen vermag. Im Innern geht eine freistehende Holztreppe zu einer offenen Galerie hinauf; hier sind in dunklen Kammern die Kontore der Kaufleute. Eine Treppe höher kommt man auf das Dach, von dessen kleinen, flachen Erhebungen sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt darbietet: gerade unter uns die Basare oder vielmehr ihre Dächer aus Stangen und Pfählen, Strohmatten oder Platten, und ringsum das völlig flache, graue Gewirr der Häuser. Nur hier und da reckt eine Moschee ihre schöne Kuppel und ihre schlanken Minarette empor. Dort liegt der Haïdar-khane mit seiner schimmernden, grünen Kuppel, die geschmackvolle „Korallenmoschee“ Dschami Merdschan und Suk-el-Gasl, das mächtige, alte Minarett, der einzige Rest einer Moschee, die Anfang des 13. Jahrhunderts vom Kalifen Mustansir errichtet wurde. Vor dreißig Jahren schon habe ich sie abgezeichnet; jetzt machte ich von ihr ein paar photographische Aufnahmen.

Vom Dach des Han-el-Ortme aus gesehen ist Bagdad eine schöne Stadt. Die grünen Palmengürtel und -gruppen innerhalb der Lehmmauern, die grün und blau schimmernden Kuppeln und die blinkenden Windungen des Stromes heben sich scharf von der grauen Fläche ab. Nur ein schwaches Echo des lärmvollen Lebens unten in den Gassen dringt herauf, und völlig sicher ist man hier vor den Düften, die den Aufenthalt in den überdachten Basaren nicht eben verschönern.

Im Stadtteil der Tänzerinnen sind die Gassen so eng, daß man mit ausgestreckten Armen beide Häuserzeilen berühren kann. Hier herrschen Lärm und Trunkenheit, leichtfertige Burschen und wilde Gesellen streifen hier umher, aber das Auge des Gesetzes in Gestalt der Gendarmen wacht. In den Türen locken bunt und leicht gekleidete Mädchen mit Hals- und Armbändern und Ohrringen aus blinkendem Metall.

Aussicht vom Dach des Han el-Ortme.

Kurdische Tänzerin in Bagdad.

Auch Bagdad besitzt ein Ghetto und zwar ein recht geräumiges; denn die Juden sind hier sehr zahlreich. In den größeren Straßen haben die Häuser zwei, manchmal drei Stockwerke. Das Charakteristischste daran sind die auf Balken ruhenden vorspringenden Erker, hinter deren eisenvergitterten Fenstern die Töchter Israels, oft schön wie die Nacht, mit halboffenen, schweren Augenlidern und müden Blicken das Leben auf der Straße beobachten. Die Läden und Basarstände schützt man gegen Sonne und Regen durch kleine viereckige Holzdächer, die durch schräggestellte Stangen gehalten werden. Diese Läden sind elende Löcher, und hinter dem Krämer, der mit gekreuzten Beinen unter seinen Waren auf dem Ladentisch sitzt, gähnt ein abschreckendes Dunkel. Noch anspruchslosere Handelsleute, die keinen festen Stand haben, lassen sich einfach an den Häusermauern nieder und bieten aus großen Körben Aprikosen, Pfirsiche, Gurken, Brot und Süßigkeiten feil. Auch Frauen beteiligen sich am Handel; sie kauern in faltenreiche Schleier gehüllt am Boden, der kleine schwarze, goldgeränderte Gitterlappen ist heraufgezogen und gibt ihre Gesichtszüge frei.

„Airan bos, Airan bos!“ klingt es ab und zu von der nächsten Straßenecke her in gellendem Ton. „Airan“ heißt auf Türkisch die gegorene, mit Wasser vermischte Milch; „bos“ bedeutet Eis. Auf einem Holzgestell steht ein großes Gefäß mit dem erquickenden Trank, in dem klare Eisstückchen schwimmen. Für den Bruchteil eines Piasters bekommt man einen Becher voll.