Mit meinem syrischen Führer besuchte ich ein einfaches jüdisches Haus in einer Nebenstraße. Der kleine viereckige Hof, tagsüber der Aufenthaltsort der Hausbewohner, war, wie gewöhnlich, mit quadratischen Ziegelplatten gepflastert, wie man sie etwa in Babylon findet. An der Mauer war ein Brunnen, aus dem man das Wasser mit Hilfe eines Ledereimers herausholte. Links vom Eingang führten wenige Treppenstufen in ein mit zerfetzten Matten und etlichen Schemeln möbliertes Loch, dessen Gitterfenster aus eine kleine offene Halle, den Eivan, hinausgingen. Im übrigen hatte das Haus nur eine Wohnung, deren dunkle Kammern mehrere Familien beherbergten. Die Juden sind arm und drängen sich stets auf möglichst engen Raum zusammen. Nur Frauen und Kinder waren daheim. Die Frauen tragen nichts weiter als ein Zwischending zwischen Kleid und Nachthemd. Die Kinder waren niemals mit Wasser, Seife oder Kamm in Berührung gekommen, und ihre Gesichter und Arme zeigten die Riesennarben der widerwärtigen Bagdadgeschwüre; diese rühren von einer giftigen Fliege her, deren Stich eine jahrelang offene Wunde hervorruft und eine entstellende, unvertilgbare Narbe zurückläßt. Auch ein paar alte Weiber saßen da, grauenhaft anzusehen. Ihre Finger wühlten in dem wirren Haar auf der Jagd nach Ungeziefer, das ihnen keine Ruhe ließ.
Auch dieses einfache Haus hatte einen „Särdab“, einen unterirdischen Raum, wohin man flüchtet, wenn die große Hitze kommt, ein widerliches, schmutziges Loch, eine Heimstätte für Skorpione und Tausendfüßler. Dort stand ein Lehmkrug mit kühlem Wasser, und voll Gastfreundschaft bot man mir einen Trunk. Aber ich lehnte dankend ab und eilte ans Licht und auf die Straße hinaus, wo die Luft doch noch etwas besser war, als in diesen furchtbaren Wohnlöchern der armen Juden.
Wasserholeplatz.
Die architektonisch so anziehende Ghettostraße mit ihrem bunten Verkehr wollte ich nicht verlassen, ohne sie, wenn auch nur flüchtig, skizziert zu haben. Das war jedoch nicht so leicht zu machen. Die Häuser standen zwar still, aber alles andere war in steter Bewegung und konnte nur hastig in Umrissen angedeutet werden. Am unbequemsten war das Gewühl, das ich selbst verursachte. Alles blieb stehen und drängte sich heran, um zu sehen, was ich vorhabe. Freundliche Krämer boten mir einen Schemel an, um mir freie Aussicht über die Köpfe der Menge zu verschaffen; sie versahen mich mit Limonade und Zigaretten und hielten nach Möglichkeit die Zudringlichen fern. Vergebens! Die Verkehrsstockung wurde so stark, daß ich bald die Aufmerksamkeit der Revierpolizei erregte.
Ein Schutzmann bahnte sich plötzlich den Weg durchs Gedränge und fragte mich in barschem Ton, was ich hier zu zeichnen habe; ich müsse doch wissen, daß es während des Krieges streng verboten sei, im Hauptquartier zu zeichnen und zu photographieren. Da ich ruhig fortarbeitete, fragte er weiter, ob ich mich auf die Bekanntschaft mit einem hervorragenden türkischen Offizier berufen könne. Ich nannte Mesrur Bei. Diesen Namen habe er niemals gehört, erklärte der Mann des Gesetzes. Ich antwortete, er müsse doch den Kommandanten von Bagdad kennen, und die Polizei müsse obendrein wissen, daß ich mich schon seit einigen Wochen in der Stadt aufhalte. Darauf entschuldigte sich der Mann, aber da ich nicht in seinem Bezirk wohne, ersuchte er mich höflich, mit auf die nächste Polizeiwache zu kommen.
Ich beendete meine Arbeit und folgte ihm. Die Wache war eine kleine, offene Veranda an einer Straßenecke. Dort unterwarf mich ein Polizeioffizier einem eingehenden Verhör. Alles wurde notiert. Dann erhielt ich meine Freiheit ohne Bürgen — aber nur für die Nacht.
Habibe, 70jährige Jüdin in Bagdad.
Am nächsten Morgen wurde ich von zwei Gendarmerieoffizieren abgeholt und vor den Polizeimeister selbst geführt. Er war sehr höflich, bot mir Kaffee und Zigaretten an, ging meine Papiere genau durch und verglich ihren Inhalt mit dem Polizeirapport vom Tage vorher. Er merkte glücklicherweise nicht, daß ich mit der ausgelassensten Heiterkeit kämpfte — ich, der Freund Halil Paschas, in demselben Basar verhaftet, in dem englische Offiziere und Soldaten in größter Freiheit umherstreiften! Ein starkes Stück, aber das Abenteuer war zu lustig, als daß ich es durch einen ernsthaften Protest hätte stören sollen.