Dann kamen die Obersten und Oberstleutnants an die Reihe, die Majore, Hauptleute und Leutnants. Alle dem Rang nach geordnet und aufgestellt, um sofort in ihre Quartiere geführt zu werden.
Mit welchen Gefühlen mochten die Engländer, die früher in Bagdad gewesen waren, das prachtvolle Konsulat wiedersehen, das sich als ein Symbol der englischen Macht im Orient prunkvoll vor ihnen erhob, und auf dessen Turm früher die Flagge des größten Weltreichs geweht hatte. Nun flatterte an demselben Mast der Rote Halbmond. Von Mohammedanern besiegt, als deren Herren sie sich immer gefühlt hatten, betraten sie jetzt nicht mehr eigenen Boden, und kein Vertreter Großbritanniens hieß sie willkommen. Sie waren nicht mehr wie so oft Gäste, sondern Gefangene der Türken. Aber keine Miene, keine Bewegung verriet ihre Gedanken. Mit der unerschütterlichen Ruhe und der stolzen Haltung, die ihrer Rasse eigentümlich ist, sahen sie den Dingen entgegen, die da kommen sollten.
Die Generale fuhren in Droschken nach ihren neuen Wohnungen, und ihre Ordonnanzen schafften ihr Gepäck auf Lastwagen fort. Als ich mit Mesrur Bei die Front der Majore entlang schritt, hörte ich plötzlich meinen Namen rufen und erkannte Major Rybot, mit dem ich im Jahre 1906 oft in Simla zusammen gewesen war. Nachdem wir uns die Hand gedrückt, bat auch Mesrur Bei, dem Major vorgestellt zu werden; er ließ ihn aus der Reihe treten und lud uns ein, ihm in eine Laube zu folgen, wo Tische mit Erfrischungen bereitstanden. In ungezwungenster Unterhaltung über Irak und Mesopotamien, über den Verlauf des Weltkrieges und nicht zum wenigsten über unsre gemeinsamen Erinnerungen an Indien verging uns hier eine inhaltreiche Stunde.
Die Landung der englischen Gefangenen von Kut-el-Amara in Bagdad.
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GRÖSSERES BILD
Major Rybot und Mesrur Bei.
Die englischen Offiziere wurden von den Türken mit der größten Rücksicht und Höflichkeit behandelt und genossen eine Freiheit, die geradezu überraschend war. Denn gerade damals standen die Russen in der Gegend von Kasr-i-Schirin, kaum 170 Kilometer von Bagdad entfernt, und es wäre für die Gefangenen nichts leichter gewesen, als verkleidet zu fliehen und ihren russischen Verbündeten wichtige Nachrichten über die Lage Bagdads zu bringen. Mehrmals erzählte man auch von solchen Entweichungen, doch weiß ich nicht, ob die Gerüchte der Wahrheit entsprachen. Sicher ist, daß man täglich englischen Offizieren begegnete, die sich in den Basaren völlig frei bewegten. Als ich zwei Tage nach Ankunft der Gefangenen dem amerikanischen Konsul Mr. Brissel einen Besuch abstattete und wir uns gerade über China unterhielten, erschienen vier englische Offiziere ohne jede türkische Bewachung. Sie zeigten noch immer die gleiche Würde und ruhige Miene, als ob nichts geschehen und Kut-el-Amara nur eine bedeutungslose Episode sei. Und doch hatte dieser Schlag die von den Engländern beabsichtigte Verschmelzung der russischen und englischen Fronten vorläufig gänzlich durchkreuzt. Einstweilen ist der Feldzug im Irak verloren, mochten sie denken; aber sie ließen nichts davon merken. Mir gegenüber, dessen fester Standpunkt in diesem Kriege genügend bekannt war, zeigten sie eine offene Ritterlichkeit und meinten, jeder freie Mann habe das Recht seiner politischen Überzeugung.
Am Abend desselben Tages hatte ich einige schwedische Freunde und den deutschen Arzt Dr. Schacht, der als Gatte einer Landsmännin von mir das Schwedische ohne fremden Beiklang spricht, zu einem Abendbrot im Garten des Hotels „Tigris“ geladen. Als wir eben bei Kaffee und Zigaretten saßen, trat eilig der Adjutant Halil Paschas heran und bat mich, nach der Residenz hinüber zu kommen, wo der Pascha gerade ein Abschiedsessen für seinen vornehmsten Gefangenen, den General Townshend, gab. Ich entschuldigte mich bei meinen Freunden für kurze Zeit und folgte ihm. Dieses historische Gastmahl, das Sieger und Besiegten, Verteidiger und Bezwinger von Kut-el-Amara am selben Tisch vereinte, mochte ich nicht versäumen; außerdem kannte ich General Townshend von Simla her, wo er der Stabschef Lord Kitcheners war; dort war ich oft mit ihm zusammen, als ich beim Oberstkommandierenden der englischen Armee wohnte.