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GRÖSSERES BILD
Auf dem rechten Ufer erhebt sich die Grabkapelle El-Fasl, und von vereinzelten Palmen geschmückt liegt im Sonnenbrand das Dorf El-Batsch. Am Uferrand knarren die üblichen Wasserwerke mit ihren unermüdlichen Ledersäcken. Auf der Steppe zu beiden Seiten hüten die Nomaden ihre Schafe und Ziegen; hier und da hat ein wandernder Stamm seine schwarzen, immer gleich malerischen Zelte aufgeschlagen. Bei dem Dorf Nahrlatefije auf dem linken Ufer weiden zahlreiche Pferde, Esel und Zebuochsen. Bei El-chidr-lias ruht ein Heiliger unter einer weißen, von Palmen beschatteten Grabkuppel. In dieser Gegend zeigen sich am Ufer seichte Seen, die Chor genannt werden. Zuweilen sieht man Fischereigeräte derselben Art, wie an den Ufern des Tarim in Ost-Turkestan.
Um 1 Uhr zeigt das Thermometer 37 Grad, und der Wind hat aufgehört. Das Flußwasser hat eine Temperatur von 24,1 Grad. Der Himmel ist türkisblau und völlig klar, nur eine einzige kleine Wolke schwebt über der Wüste, über der die Luft wie Dampf über einer bratenden Pfanne zittert.
Zu Beginn der Fahrt machte der Euphrat scharfe Windungen. Jetzt geht er geradeaus und ist zuweilen nach Südosten offen wie eine Meeresbucht. Bäume und Palmen werden selten, das Land ist kahl und flach. Aber häufig zeigen sich die prismatischen Strohdächer der Lehmhütten, in denen Nomaden und Bauern wohnen.
Gegen Abend wird es herrlich, trotzdem wir noch um 5 Uhr über 36 Grad haben. Aber die Sonne ist etwas bedeckt, und ein leichter Nordwind beschleunigt unsere Fahrt nach Südsüdosten.
Wir hielten uns in der Mitte des Stroms, der hier gegen 800 Meter breit und 5–6 Meter tief ist. Da erschien nicht weit vor uns das Dorf Soba, und wir sahen etwa zehn Araber am Ufer stehen. Sie waren mit Gewehren bewaffnet, und als wir uns näherten, nahmen sie eine drohende Haltung ein; einige hockten in Schußstellung und brachten auf einer kleinen Brustwehr ihre Gewehre in Anschlag, andere standen schußbereit da und forderten uns in befehlendem Tone auf zu landen.
Der eine von unseren beiden Gendarmen legte eilig sein Gewehr über die Reling, und der Herzog lud kaltblütig seine Büchse. Die Lage war etwas kritisch, und wir warteten natürlich mit einiger Spannung, wer wohl zuerst schießen werde. Unterdes trieb die Fähre mit der Strömung ruhig weiter; wir waren schon den kriegerischen Arabern gerade gegenüber, ohne daß etwas geschah, und entfernten uns schon wieder langsam von ihnen. Da gaben sie plötzlich ihre drohende Haltung auf, bildeten eine Gruppe und unterhielten sich lebhaft. Einer von ihnen, wahrscheinlich der Führer, rief uns, wohl um ihr Benehmen zu entschuldigen, zu: „Wir wußten nicht, daß ihr Deutsche an Bord hattet.“ Jedenfalls hatten sie uns, wie unsere Begleiter meinten, für Kaufleute gehalten, die mit Waren stromabwärts reisten und, wenn sie sich hätten einschüchtern lassen zu landen, in aller Ruhe geplündert worden wären.
So nahm unser kleines Abenteuer einen harmlosen Verlauf, und wir fuhren weiter, saßen wieder behaglich unter unserm Zeltdach, tranken Rotwein mit Wasser aus irdenen, in feuchte Tücher gehüllten Töpfen und freuten uns der eigenartigen Landschaft, die so flach ist wie ein zugefrorener See, und in die nur Zelte, Palmen und weidende Tiere einige Abwechslung bringen. Die Posthalterei Matardas sah aus der Ferne wie eine Festung aus, in der Nähe schrumpfte sie zur Unbedeutendheit zusammen.
Phot.: Schölvinck.