Die Örtäng von Jing-pen ist eine chinesische Poststation, die seit einem Jahre öde und leer steht. Die Behörden versuchten vor einiger Zeit, den Verkehr auf dem alten Wege zwischen Lop und Turfan wieder ins Leben zu rufen, doch diese Straße wird äußerst selten benutzt und ist überdies überflüssig, da der Weg über Korla, wenn auch länger, viel angenehmer und bequemer ist.

Jing-pen ist eine wahre Oase, die auf allen Seiten von Wüsten eingefaßt wird; wir brauchten nicht zu fürchten, daß unsere Tiere uns während der beiden Ruhetage, die wir ihnen gewährten, fortlaufen würden. Die Posthalterei liegt auf einer scharf markierten Terrasse, die sich ein paar Meter über einen langgezogenen reichbewachsenen Salzsumpf erhebt.

In geographischer Hinsicht ist dieser Punkt von größtem Interesse, denn man findet bald, daß der Sumpf in der Biegung eines alten Flußbettes liegt und auf beiden Seiten, ganz wie der Tarim, mit alten Pappelgruppen eingefaßt ist. Sogar die Eingeborenen erkannten, daß wir uns hier an dem früheren Laufe jenes Flusses befanden. Weiter nach Osten hin erstreckt sich die Feuchtigkeit jedoch nicht; das Bett liegt trocken wie Zunder da, bis es sich in dem ebenso trockenen Becken des alten Lop-nor verliert. Enten, Gänse und Rebhühner bevölkern die Oase, und süßes Wasser erhält man aus einem Brunnen.

Die Temperatur stieg am 12. März auf +21,4 Grad; Fliegen und Spinnen fingen an sich zu zeigen, und mit Bangen sah ich der Zeit entgegen, da man täglich von Hitze und Insekten gequält werden und nur nachts Kühlung finden würde. Diese deutlichen Anzeichen des Sommers mahnten uns indessen, das Gepäck wesentlich zu erleichtern. Musa, der von hier mit allen Pferden, meinen kleinen erprobten Wüstenschimmel ausgenommen, und einem Kamele, das schlechten Appetit hatte, zurückkehren sollte, mußte auch meinen Pelz, meinen Regenrock, den Ofen usw. mitnehmen, was ich jedoch später bei ein paar Gelegenheiten sehr zu bereuen hatte.

Der Zweck dieser langen Rast war, daß die Tiere ordentlich weiden sollten, denn auf der ganzen Strecke nach dem Kara-koschun konnten wir nach Abdu Rehims Aussage nur an zwei Stellen gute Weide finden. Anhaltender Westwind mit 8 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde und undurchdringlicher Nebel erschwerten jegliche Arbeit im Freien.

Doch die Stunden vergehen schnell, und am 13. März konnten wir uns wieder in Bewegung setzen. Abends sprang der Wind nach Osten um und riß um Mitternacht das Zelttuch in die Höhe, so daß es wie ein losgerissenes Segel flatterte. Darauf wurde das Zelt an der Windseite mit Stricken und Pflöcken festgemacht und auf den am Boden schleppenden Saum des Zelttuches große Lehmschollen gelegt.

Während des Tages schwoll der Wind immer mehr an und artete abends in einen vollständigen Orkan aus. Wir wanderten auf der linken Uferterrasse nach Osten; die Anordnung der Pappelgruppen bezeichnete den Verlauf des Bettes. Eine seiner Biegungen war so deutlich, daß sie gut erst im vorigen Jahre hätte verlassen worden sein können. Ihre salzige, eisfreie Wasseransammlung bildete einen Halbmond, ganz wie in den Bold-schemal des Tarim, und auf dem linken Ufer stand eine Gruppe von Pappeln mit bis zu 4,10 Meter Umfang an der Basis. Eine Schar Enten flog auf, bevor Tschernoff hatte schießen können, und die Hunde liefen sich außer Atem, um eine Antilope zu erjagen, die mit elastischen Sprüngen wie ein Gummiball über die Steppe flog.

Dann ist es mit Wasser und lebendem Walde vorbei — der noch vorhandene ist tot, aber die Stämme stehen noch auf ihrer Wurzel, wie Grabdenkmäler auf einem Kirchhof. Der Boden ist mit feinem, losem Staub bedeckt, der sich wie ein Kometenschwanz hinter der Karawane erhebt. Schon um 2 Uhr herrschte Dämmerung; der Sturm wurde ärger, und Abdu Rehim erklärte, daß wir Halt machen müßten, weil es den Tieren zu schwer werde, gegen diesen Luftdruck anzukämpfen. Wir machten also Halt, und es galt nur noch, einen einigermaßen geschützten Lagerplatz zu finden.

Die Lehmwüste hat hier eigentümliches Relief. Sie ist vom Winde modelliert. Würfel, Terrassen und Tische in horizontaler Lage erheben sich überall ein paar Meter hoch, und Holz von toten Bäumen liegt auf der Erde umhergestreut.

Beim Suchen nach einem geschützten Platze hätten wir einander beinahe verloren. Ich ging nach Südwest oder wurde vielmehr dorthin geweht; es ging sich so leicht, daß ich nicht merkte, wie ich mich von den anderen entfernte; doch als ich keinen geeigneten Platz fand und umkehrte, kam mir der ganze Sturm mit rasender Heftigkeit entgegen und jagte mir einen horizontalen Regen von Sand und feinem, rotgelbem Staub ins Gesicht, und von der Karawane war keine Spur zu sehen. Es war dieselbe Empfindung wie beim Gehen durch Wasser oder Schlamm, und trotz all meines Bemühens entfernte ich mich nur von den Meinen. Alle Spuren sind sofort verwischt. Augen, Mund und Nase werden von Sand und Staub verstopft, und ich mußte stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Da sah ich im Nebel eine Gestalt erscheinen und erkannte Tschernoff, der auf der Suche nach mir war.