Zur rechten Hand fällt das Terrain langsam ab, nach der Ebene hinunter, wo der Kontsche sich nach dem Kara-köll hinschlängelt. Nach Passierung mehrerer kleiner, schwach eingeschnittener, durch Hügelreihen voneinander getrennter Betten stehen wir am Rande des besonders kräftig eingeschnittenen Gebirgstales Kurbantschik, das 40 Meter unter unseren Füßen liegt. Ein Bach rieselte zwischen porösen Eisschollen hin. Unser Lager an seinem linken Ufer hatte eine entzückende Lage. Im Norden öffnete sich der breite Schlund der Talmündung, im Süden standen die Jarterrassen wie dunkle Wände. Hinter einem Hügel hat sich ein kleiner Teich mit herrlichem, reinem, smaragdfarbigem Wasser gebildet, der so tief ist, daß man in seiner Mitte nicht bis auf den Grund sehen kann ([Abb. 75]). Ein kleiner Arm des Baches ergießt sich in ihn und tritt auf der anderen Seite wieder aus ihm heraus; es ist ein Bagrasch-köll im kleinen. Das Becken befindet sich gerade in der Mündung einer Erosionsfurche, und nach Regen muß hier ein ziemlich hoher Wasserfall herabrauschen; da aber Niederschläge in diesen „trockenen Bergen“ eine große Seltenheit sind, so kann man sich denken, welche Zeit dazu gehört, das Becken auszumeißeln. Die Berge der Umgebung bestehen aus Diorit.
Von Kurbantschik sollen es zwei Tagereisen bis an den Kamm der Hauptkette sein, wo ein Weg über einen Paß führt, der Dawan, von den Mongolen aber Többwe genannt wird. Vom Passe sind es anderthalb Tagereisen nach dem Bagrasch-köll.
Am 9. März mußten wir noch das Kurbantschiktal eine ziemliche Strecke hinabreiten, ehe wir durch ein Seitental auf seine linke Terrasse hinaufgelangen konnten ([Abb. 76]). In südöstlicher Richtung kommen wir über eine holperige Steppe in einen gewundenen, trocknen Hohlweg hinunter, den abgerundete Höhen von weichem Material, das jedoch weiter oben in festes Gestein übergeht, einfassen.
Tograk-bulak ist eine reizende Stelle in diesem stillen Tale ([Abb. 77]). Wir rasteten in einem Pappelhaine, wo es eine Quelle gab, die jetzt mit dickem Eise, aus dem dichtes Schilf hervorguckte, bedeckt war.
Stunde auf Stunde wandern wir nach Osten, zur Linken das Gebirge. Der Sai wird nicht von bedeutenderen Furchen durchschnitten, wohl aber von Tausenden kleiner Betten, die nur einen Fuß tief in den Boden eingeschnitten und mit Schutt gefüllt sind. Die Sonne ging glutrot unter, dann trat Dämmerung ein; aber noch hatten wir einen weiten Weg bis an die Bergpartie, wo die nächste Quelle sein sollte. Chodai Kullu hatte sie früher besucht und führte jetzt die Karawane. Im Dunkel der Nacht hörten wir ihn rufen, und wieder standen wir am Rande einer gewaltigen Erosionsfurche, deren Uferhang die Kamele hinunterrutschten. Es stellte sich heraus, daß wir in der Dunkelheit in ein falsches Tal gelangt waren; es war ganz unfruchtbar, und es gab dort keinen Tropfen Wasser. Doch wir hatten heute schon 42 Kilometer zurückgelegt und lagerten trotz alledem.
Am folgenden Morgen machten wir die Entdeckung, daß die Quelle von Budschentu-bulak nur einen Kilometer weiter östlich lag, und die Tiere wurden daher dorthin geführt. Ich selbst wurde bei Sonnenaufgang geweckt, und zwar gründlich. Tschernoff war, wie gewöhnlich, in mein Zelt gekommen und hatte, während ich schlief, den Ofen geheizt, aber nicht darauf geachtet, daß der abwärtsgehende Talwind das Zelttuch gegen das erhitzte Kaminrohr drückte. Ich erwachte von einer unleidlichen Wärme und sah das Zelt in Flammen stehen. In demselben Augenblick stürmten auch schon die Männer herbei, rissen das Zelt um, während Tschernoff die Kisten und die herumliegenden Sachen und Papiere hinaustrug, und ich selbst warf über das Zelt eine Filzdecke, die das Feuer erstickte. Meine luftige Wohnung sah nach diesem Abenteuer wenig einladend aus; die Männer wußten jedoch Rat. Sie nahmen ein Stück Sackleinwand, schnitten die Ränder der angebrannten Stelle weg und machten das Loch mit dem Sackleinen zu. Glücklicherweise hatte das Feuer noch nichts anderes vernichten können.
Der Bach von Budschentu-bulak war in mehrere Arme geteilt, die unter einer umfangreichen Eisscholle rieselten. Wir entfernten uns jetzt von den Bergen und zogen in südlicher Richtung weiter. In der Ferne zeichnete sich die „Kona-schar“ von Jing-pen auf dem Nebel der hinter ihr liegenden Sandwüste ab. Die Ruinen lagen in einer Linie von Norden nach Süden, so daß ich sie im Vorbeiziehen alle besehen, messen und abzeichnen konnte. Die beiden ersten sind Tora oder Türme aus Lehm, 4,5 Meter hoch und 15 Meter im Umfang ([Abb. 78]). Ein Guristan (Begräbnisplatz) war, wie schon aus der Lage der Leichen hervorging, von Muhammedanern angelegt. Die Füße lagen nach Süden, der Kopf nach Norden und das Gesicht nach der Kibla gewendet. Die Gräber sind mit zigarrenkistenförmigen Denkmälern von an der Sonne getrocknetem Lehm geschmückt. Spätere Überschwemmungen haben die Außenseite der Terrasse, in welcher die Gräber liegen, zerstört, so daß mehrere derselben freigelegt sind und die Schädel wie aus Schießscharten in einer Mauer herausgucken. Das Skelett eines ungefähr fünfzehnjährigen Jünglings war aus seiner Grabhöhle herausgefallen; es konnte etwa 200 Jahre alt sein. Dicht daneben stand etwas, das ein „Mesdschid“ oder „Chanekah“, ein „Gumbes“ oder Monument auf dem Grabe eines Vornehmen hätte sein können und von dem nur noch drei Mauern ohne Dach standen; die vierte Mauer war anscheinend gleich dem Außenrande der Terrasse vom Wasser fortgespült worden. Die Hinterwand war 6 Meter lang, die Höhe der Mauern betrug 4,13 Meter. Um die Ruinen herum lagen eine Menge Scherben von Krügen aus gebranntem Ton, rote sowohl wie schwarze; an einigen von ihnen saß noch der runde Henkel. Darauf fanden wir ein Tora von 8 Meter Höhe und 31,4 Meter Umfang. Sieben solche von kleinerem Umfange thronten auf einem isolierten Hügel; entweder sind sie als Denkmäler auf den Gräbern hervorragender Persönlichkeiten errichtet worden, oder sie sind chinesische Potai (Meilensteine), die, wie noch heute an wichtigeren Plätzen, durch ihre Anzahl die Entfernung bis zur nächsten größeren Station der Gegend in Li (etwa 450 Meter) angeben.
Die interessanteste dieser Ruinen war eine Ringmauer von demselben Aussehen wie die, welche ich bei Sai-tschekke und Merdek-schahr gesehen hatte. Sie war aus an der Sonne getrocknetem Lehm erbaut, dem ein Skelett von horizontalen Balken Festigkeit verlieh, und besaß vier Tore. Der Durchmesser betrug 182 Meter, die Dicke der Mauern 11 Meter und die Höhe 6,6 Meter; die Tore lagen im Norden, Süden, Osten und Westen. Im Zentrum stand eine kleine Lehmpyramide.
Welchen Zweck eine solche Mauer gehabt hat, ist schwer zu sagen. Für eine Stadtmauer ist sie zu klein, und überdies fehlt im Innern jegliches Anzeichen von Häusern. Für eine Festung dürften die vier offenen Tore überflüssig sein. Ich bin daher eher geneigt anzunehmen, daß hier eine Art Wirtshaus oder Posthalterei gewesen und die Bewohner in Zelten oder Holzhäusern im Schutze dieser provisorischen Mauer gewohnt haben. Die Lop-nor-Straße ist wahrscheinlich mitten hindurch gegangen, denn das Ost- und das Westtor liegen gerade in der Längsrichtung dieses Weges. Alte Lopleute bewahren noch eine Tradition, wonach die große Heerstraße nach Peking über Jing-pen und weiter nach Dung-chan oder Sa-tscheo geführt habe.
Wenn wir von den Ruinen nach Jing-pen gegen Ostsüdost ziehen, haben wir weit nach rechts einen üppigen Gürtel von ansehnlichen Pappeln, der das trockene Bett begleitet, dessen Untersuchung der wichtigste Punkt des Programmes war. Alle Jäger im Lande, die es kennen, nennen es Kurruk-darja (trockener Fluß), manchmal auch Kum-darja (Sandfluß), welchen Namen auch Kosloff gebraucht.