Er hatte also keine Gelegenheit, sich auf dieser Expedition so auszuzeichnen wie auf der vorigen, als er noch ein kräftiger Mann war, aber ich bewahre ihm ein gutes, freundliches Andenken. Ich habe vielleicht manchen Diener, der während meines Karawanenlebens bei mir angestellt gewesen ist, vergessen, aber die Verstorbenen vergesse ich nie; ihr Andenken liegt mir warm am Herzen, sie sind auf ihrem Posten zusammengebrochen und haben in meinem Dienste alles hingegeben, was sie besaßen — ihr Leben. Möge er sanft am Fuße der Dünen ruhen, der alte, redliche Parpi Bai. —
Es war mittlerweile dunkel geworden, bevor Faisullahs Lagerfeuer zwischen den Pappeln am Ufer des Kontsche-darja aufloderte. Der Fluß war noch fest zugefroren, und wir lagerten am linken Ufer in der Waldgegend Dillpar, wo wir auch den folgenden Tag blieben. Die uns begleitenden Beke kehrten am Morgen wieder um, und wir waren jetzt von neuem auf uns selbst und unsere Vorräte angewiesen.
Als wir am 7. März nach Nordnordost weiterzogen, war die Karawane folgendermaßen zusammengesetzt: Abdu Rehim und seine beiden jüngeren Brüder mit acht Kamelen, von denen sechs zu unserer Verfügung standen, die beiden übrigen trugen ihre Besitzer; ferner Faisullah mit unseren fünf Kamelen, Tschernoff, Ördek, Chodai Kullu und Musa mit je einem Pferde und ich auf demselben kleinen starken Schimmel, der mich durch die Tschertschenwüste getragen hatte. Jolldasch und Maschka war das Nachtwächteramt übertragen.
Unweit Dillpar kreuzten wir drei alte Betten des Kontsche-darja.
Darauf lassen wir die Wälder des Kontsche-darja hinter uns zurück und reiten auf hartem, salzhaltigem, knisterndem Boden mit spärlichen Tamarisken und einer dünnen Sandschicht. Basch-tograk ist ein kleiner Waldsee in der Einöde mit mächtigen, wenn auch niedrigen, absterbenden Pappeln ([Abb. 73]). Westlich davon erscheint eine in dem ebenen Terrain weithin erkennbare Tora (Wegpyramide), die auf der alten Straße gestanden hat, die von den Bewohnern des Loplandes Kömur-salldi-joll (der Weg, auf dem Steinkohlen ausgebreitet worden sind) genannt wurde und die Korla und Sa-tscheo verband und sich jetzt am Ufer des alten Lop-nor hinzieht. In „Durch Asiens Wüsten“ habe ich den Teil dieser Straße, der nach Nordwesten von Jing-pen bis Korla führt, beschreiben können. Ihre Fortsetzung nach Osten, von Jing-pen an, zu erforschen, war einer der Zwecke dieser neuen Reise.
Nachdem wir die letzten Tamarisken ([Abb. 74]) hinter uns haben, beginnt die von den Eingeborenen „Sai“ genannte Terrainform, die am Fuße aller zentralasiatischen Bergketten gewöhnlich vorkommt, eine fürs Auge unmerklich langsam ansteigende Bodenerhebung, hart wie Asphalt, unfruchtbar und mit feinem, dünnschichtigem Gruse bestreut. Durch den Boden zog sich eine trockene Erosionsfurche, die aus dem Sugett-bulak, einem Quertale des Kurruk-tag, kam, welches Tal das Ziel unserer Tagereise war; in dieser Furche fanden wir einen bequemen Weg nach dem Fuße des Gebirges.
Eben wie das Meer dehnt sich der wüste Sai um uns her aus. Fern im Süden unterscheidet man noch als dunkle Linie den Vegetationsgürtel des Kontsche. Einige scheue Antilopen entflohen bei einem Fehlschusse, sonst gab es kein Tierleben. Der Boden wird steiniger, der Anstieg nimmt zu; in dem Bette liegt Treibholz von Tamarisken und Weidenbäumen, welches eine Sil (Regenflut) mitgeschwemmt hat.
Endlich haben wir auf beiden Seiten Berge und machen in der trompetenförmigen Mündung des Sugett-bulak-Tales Halt, wo ein kleiner Bach 88 Liter Wasser in der Sekunde führt. Hier steht ein einsamer Weidenbaum, daher der Name Sugett-bulak (Weidenquelle). Wir hatten 33 Kilometer zurückgelegt; die Temperatur war auf 13,1 Grad gestiegen, und Mäntel waren nur abends nötig. Die Quelle, die den Bach speist, liegt eine Tagereise talaufwärts; es sind zwei Tagereisen bis zu den nächsten mongolischen Nomaden, die sich ständig in den größeren Tälern zwischen den Parallelketten des Kurruk-tag, wo es vorzügliche Weide geben soll, aufhalten.
Ein frischer Talwind wehte die ganze Nacht über unseren schönen, angenehmen Lagerplatz. Zum erstenmal im Jahre blieb die Minimaltemperatur über Null, nämlich auf +1,3 Grad. Unsere Tiere waren während der Nacht hoch oben im Tale umhergestreift, wo Gras und Weidenbäume wachsen, und es kostete Zeit, sie wieder herunterzutreiben.
Der heutige Tagemarsch führte nach Osten am Fuße des Gebirges entlang, wo wir unzählige trockene Erosionsfurchen überschritten. Wir sahen Hasen, Antilopen und Archaris (Bergschafe); letztere verschwanden gewandt und leichtfüßig in einer Klamm, als Tschernoff sie zu überraschen suchte. Zur Linken lösen ständig wechselnde Bergperspektiven einander ab; unzählige Gipfel werden passiert und verschwinden, und neue tauchen vor uns auf. Die dominierenden Gipfel werden von verschiedenen Punkten aus gepeilt. Die nächsten Vorberge verdecken jedoch die hinter ihnen liegenden Hauptkämme, deren Gipfel nur in den Quertälern sichtbar sind. Die Berge sind braun, violett, rot, grau und gelb in stets wechselnder Skala, die sich auch durch die Schatten verändert, welche entstehen, wenn Wölkchen unter der Sonne hinsegeln.